Intolleranza 1960 zeigt in der aktuellen Neuinszenierung der Salzburger Festspiele eine äußerst kraftvolle und kongeniale Entfaltung und Fortschreibung von Nonos großem szenischem Experiment aus dem Jahr 1961. In Venedigs legendärem Opernhaus La Fenice uraufgeführt, sprengte das Werk damals nicht nur Konventionen sondern auch die herkömmlichen Dimensionen und Sujets von Musiktheater: eine Bergarbeitersiedlung, eine Friedensdemonstration, eine […]
Schlagwort: Oper
Die Anti-Diva
Pauline Viardot, die vor 200 Jahren in Paris in eine andalusische fahrende Opernfamilie hineingeboren wurde, war in jeder Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung: Sie komponierte und veröffentlichte (vor allem Vokalwerke mit französischen, russischen, deutschen, italienischen und spanischen Texten), spielte Klavier auf dem Niveau einer Clara Schumann, unterrichtete, vermittelte zwischen Künstler:innen, Gönner:innen und Kulturen, betätigte sich als Herausgeberin, […]
Post aus Bayreuth (2): »You häff to go where ›Garderobe‹ stands«
Wie eine Alien-Parade muss Otto und Frieda Normalbayreuther dieser allsommerliche Aufmarsch der Wagnerfreunde erscheinen, 150 Jahre nach der zufälligen Erstlandung des Meisterraumschiffs im fränkischen Städtchen. Aber man integriert das Fremde! Im Frühstückszimmer meiner Pension, die zur Festspielsaison die Preise verdoppelt, prangt ein Druck der jungwagnerschen Dirigiersilhouette harmonisch neben drei kapitalen Hirschgeweihen. Und mit etwas Mühe […]
Post aus Bayreuth (1): Mama räumt auf in der Männerpsycho-Küche
Die Welt ist wieder heil, als sie endlich von Neuem untergeht. Als die Sturmmusik des Fliegender Holländer-Vorspiels losbraust, ist die westdeutsche Flutkatastrophe mit allem Drumherum weit weg. Und auch die Corona-Pandemie irgendwie vergessen, wie wir da im Bayreuther Festspielhaus sitzen, durchgeimpft und abmaskiert und hemdesärmelig durchlüftet dank Sitzanordnung im Schachbrettmuster (ob’s was hilft in der […]
»Perfekte Stimme im falschen Körper«
»Pummeliges Bündel Welpenfett«, »unansehnlich und unattraktiv«, »widerliche Figur«. Diese und ähnliche Aussagen müssen sich etablierte Opernsänger:innen anhören. Auf dem ersten Blick scheint es sich um Einzelfälle zu handeln, nur selten macht Bodyshaming in der Opernbranche Schlagzeilen. Prominentestes Beispiel ist die Affäre um das »little black dress«, in das Deborah Voigt nicht passte und in dessen […]
ZEITRAUMGEFÜGSKREISELEI? RESTART!
Der Godard dieses Rings heißt Corona. Denn was der berühmte französische Regisseur einmal in einem längst zu Tode zitierten Wort über Filmdramaturgie sagte (jeder Film brauche Anfang, Mitte und Ende, aber nicht unbedingt in dieser Reihenfolge), das besorgte für Stefan Herheims Neuinszenierung von Richard Wagners Vierteiler oder, wie’s der Kulturmensch nennt, Tetralogie niemand anders als […]
79/250: Elfrida Andrée
Im Jahr 1841 schaffte man in Schweden die Stock-Bestrafung ab, bei der die Füße von Gefangenen mittels eines Holzblocks fixiert werden, so dass der jeweils Bestrafte beispielsweise der Öffentlichkeit zwecks Demütigung »präsentiert« werden kann. Im selben Jahr wurden die beiden Stockholmer Bordelle »London« und »Stadt Hamburg« geschlossen. Ebenfalls 1841 gründete sich in der Stadt Borlänge […]
Im falschen Film
Breite Wege, weite Sicht, wenig Barrieren, frische Luft, Grün statt Autoverkehr und darum weniger Lärm und Feinstaubbelastung als in angrenzenden Quartieren, freier Eintritt, Raum für Sportarten wie Kitesurfen, Spikeball, Slackline oder Jam-Skating, wilde Gärten … Das Tempelhofer Feld ist ein Ort der urbanen Freiheit. Und außerdem ein Experiment im fragilen Zusammenspiel zwischen den Bedürfnissen von […]
Der Groß-Visitator
Als letzte Woche die Meldung durch die Presse ging, dass der Vatikan die Fälle sexualisierter Gewalt und deren mangelhafte Aufarbeitung im Kölner Erzbistum nun selbst unter die Lupe nehmen will, lernte der Autor dieser Zeilen einen neuen Begriff der Macht: der apostolische Visitator. Verwundert rieb ich mir während der Morgennachrichten des WDR-Radios die Augen. Der […]
77/250: Maria Malibran
Eher als legendäre Opernsängerin denn als Komponistin – sowie durch Werner Schroeters Film Der Tod der Maria Malibran (1971) – ist uns die am 24. März 1808 in Paris geborene Maria de la Felicidad García bekannt. Sie entstammt aus einer berühmten Opernfamilie, über die hier an Ort und Stelle schon einmal – anlässlich der Schwester […]
