Intolleranza 1960 zeigt in der aktuellen Neuinszenierung der Salzburger Festspiele eine äußerst kraftvolle und kongeniale Entfaltung und Fortschreibung von Nonos großem szenischem Experiment aus dem Jahr 1961. In Venedigs legendärem Opernhaus La Fenice uraufgeführt, sprengte das Werk damals nicht nur Konventionen sondern auch die herkömmlichen Dimensionen und Sujets von Musiktheater: eine Bergarbeitersiedlung, eine Friedensdemonstration, eine Polizeiwache, eine Folterkammer, ein Konzentrationslager sind Stationen einer modernen und hochpolitischen Leidensgeschichte, lose verbunden durch die Hauptfigur des Emigranten, der auf seiner Flucht seine Geliebte verlässt, in all den Wirren eine neue Gefährtin findet, in die verlorene Heimat aufbricht, am Ende aber von einer Sintflut eingeholt wird.

Das Ensemble • © SF / Maarten Vanden Abeele

Intolleranza ist szenische Aktion, keine Oper und in vielerlei Hinsicht sperrig und widerständig. Von Brecht’schen Prinzipien und dem russischen Avantgarde-Theater der 1920er Jahre inspiriert, fügte Nono selbst Parolen und bekenntnishafte Texte (von Bertolt Brecht, Paul Eluard, Julius Fucik, Wladimir Majakowski und Jean Paul Sartre u.a., nach einer Idee von Angelo Maria Ripellino) zu einer heterogenen Montage, in der die Figuren eindimensional bleiben. Nonos pronociertes Selbstverständnis als linker Komponist, der mit seinem Werk zur Verwirklichung der sozialistischen Utopie beiträgt, rief nicht nur damals die reflexhafte Abqualifizierung als Agitprop, linker Kitsch bzw. gut gesponserte Kapitalismuskritik (Jan Brachmann in der FAZ vom 17.8.2021) hervor.

Ich habe das anders gehört: Für mich ist Nonos Musik in Intolleranza unerbittlich, unmittelbar, parteilich und voller Ambivalenz. Der Schrei darin entspringt keinem ideologischen Theorem sondern kommt aus der Tiefe seines Menschseins. Die Fragen, die in dieser existentiellen Dimension aufgeworfen werden, können nicht durch Werturteile oder ästhetische Debatten beantwortet werden – nur durch unser Menschsein selbst.

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Die ungewöhnlich breite, aber nicht sehr tiefe Bühne der Felsenreitschule erweist sich für Nonos Raumklangkonzept als ideal: Das umfangreiche Schlagwerk (12 Schlagzeuger, zusätzliche Pauken, Harfe, Celesta, Vibraphon, Röhrenglocken und Glockenspiel) ist leicht erhöht rechts und links der Bühne positioniert, die 26 Bläser und 40 Streicher der Wiener Philharmoniker tönen aus dem hochgefahrenen Graben. Instrumentalparts, Gesang und Geräusche interagieren, pulsieren und atmen derart nicht nur musikalisch, sondern auch räumlich. Alle Ensembles sind Teil des Bildes und wir als Zuschauer:innen mittendrin: im Geschehen und im Klang.

Die Bühnenrückwand der Felsenreitschule ist tatsächlich aus Fels, der mit seiner Rohheit und seiner porösen graubraunen Oberfläche den Grundton und Rahmen für das Bühnengeschehen setzt. Die sepiafarbenen Projektionen (Licht und Video: Ken Hioco, Sounddesign: Paul Leukendrup) scheinen organisch aus dieser Textur herauszuwuchern und bieten synchron Vergrößerungen oder Vogelperspektiven auf die unablässig bewegte Szene: Die Tänzer und Tänzerinnen von BODHI PROJECT und SEAD (Salzburg Experimental Academy of Dance) springen, wimmeln, ringen, tanzen, kämpfen. Ein Meer von wogenden Leibern, das sich mit den Stimmen des Chores mischt, die Protagonisten umkreist und in ihre Mitte nimmt. Um sich hin und wieder wie eine auslaufende Welle in Momenten der Erschöpfung, der Intimität, Zärtlichkeit und Ruhe an die Ränder der Bühne zurückziehen.

In Uniformen und Arbeiteroveralls ist das Kollektiv monochrom in Schlammfarben und dunklen Tönen gekleidet. (Kostüme: Lot Lemm) Die Solist:innen tragen sinnfällig traditionell codiertes Schwarz durch alle Stationen dieser modernen Passionsgeschichte. Weiß wie die Unschuld leuchtet nur der blinde Poet, den Regisseur Jan Lauwers zusätzlich eingefügt hat. Warum nur steht dieser Kerl den ganzen ersten Teil über zitternd aber sprachlos auf einem Podest am rechten Bühnenrand?

Antonio Yang (Algerier), Sean Panikkar (Emigrant), Musa Ngqungwana (Gefolterter), Ensemble • © SF / Maarten Vanden Abeele

Die lange Folterszene am Ende des ersten Teils hat in ihrer Deutlichkeit und Ausführlichkeit die zahlreichen akustischen und visuellen Zumutungen zugespitzt, als nach einer kurzen Stille eine der Tänzersolistinnen unvermittelt in Lachen ausbricht. Der Lachanfall kippt in allgemeines, immer hämischeres, schließlich dämonisches Gelächter. Die Gegenwart bricht ein, die Perspektive wechselt, alle Blicke richten sich auf uns, das Publikum. Der Versuch, das Grauenhafte abzuwehren, uns im Lachen davon zu distanzieren, wird entlarvt. Hier fasst der blinde Poet (Gedicht: Jan Lauwers) als Seher zusammen, wie zynisch wir auf die Flut von Gewalt reagieren: verleugnend, relativierend, vulgär. Gewalt ist in den Medien omnipräsent und dadurch unwirklich. Es geht uns vor allem darum, eine gute Zeit zu haben. Aus Intoleranz wird Ignoranz.

Der Regisseur Jan Lauwer hat tief in die Partitur hinein gelauscht und ihre strenge Struktur visuell und energetisch weitergesponnen. Was sich wie ein sensorischer Overkill lesen mag, hat erstaunlicherweise eine einheitliche Gestalt. Auf geheimnisvolle Weise scheint alles einer Wurzel zu entspringen, von derselben Energie getragen zu sein und sich dort zu verbinden. Das Setting der Texte wird in seiner Inszenierung auch durch die minimalistische Ausstattung, die sich ganz auf die Menschen und nicht auf historische Kontexte fokussiert, behutsam abstrahiert. So gelingt es ihm tatsächlich, den werkimmanenten Konflikt von Kunst (die ambivalent sein muss) und Aktivismus (der immer eindeutig, oft plakativ ist) zu transzendieren.

Sarah Maria Sun (Gefährtin), Sean Panikkar (Emigrant) • © SF / Maarten Vanden Abeele

Ingo Metzmacher, der in Salzburg bereits Nonos Prometeo (1993) und Al gran sole carico d’amore (2009) verantwortet hat, führt leidenschaftlich, aber mit großer Ruhe und Übersicht durch die klanglichen und theatralischen Konvulsionen und Eruptionen des Stückes. »Die Kraft in der Musik Luigi Nonos hat mich immer besonders angezogen«, schreibt er im Programmheft. »Wie sie im Einzelnen entsteht, bleibt mir ein Rätsel. Aber sie wirkt in jedem Moment, im Lauten, Grellen, Schreienden ebenso wie im einsam hohen, verlöschenden Ton. [..] Sie ist voller Zorn und Grimm. Sie ist wütend. Sie nennt die Dinge beim Namen. Und ist auf der anderen Seite unendlich zart, am Rande des Hörbaren. Sie glaubt an die messianische Kraft, sei sie noch so schwach. An die Liebe in all ihrer Zerbrechlichkeit. Und an die Schönheit des gesungenen Wortes. Es gibt kaum eine Musik, die mich so tief bewegt.«

Die Neuinszenierung von Nonos »Intolleranza« bei den Salzburger Festspielen in @vanmusik. Klick um zu Tweeten

Mit opulentem Klang und echter Italianità, in der eigentlichen Hauptrolle: die fabelhaften Sänger der Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor. Wie der Chor in einer griechischen Tragödie bewegen sie sich mit den Tänzer:innen, der musikalische Gestus dieser Klagegesänge mutet oft archaisch an. Die Sängersolist:innen schaffen Inseln von Innigkeit und dolce espressivo: allen voran Sean Panikkar, sensibel mit weichem Tenor als Emigrant agierend. Sarah Maria Sun als seine Gefährtin beeindruckt nicht nur als ausdrucksvoller hoher Sopran sondern auch tänzerisch-akrobatisch, mit leuchtender Präsenz. Anna Maria Chiuri, die verlassene Geliebte, setzt einen stimmlich und emotional intensiven, dunkleren Kontrapunkt. Antonio Yang (Algerier) und Musa Ngqungwana (Gefolterter) komplettieren den fantastischen Sänger:innen-Cast. Sung-Im Her, Misha Downey, Yonier Camilo Mejia (Needcompany) kreieren als Performer:innen starke tänzerische Momente.

Misha Downey (Schauspiel und Solotanz), Sean Panikkar (Emigrant), Ensemble • © SF / Maarten Vanden Abeele

Die fulminante Energie, die alle Mitwirkenden in dieser Vorstellung entfalteten, wurde mit enthusiastischem Applaus beantwortet. Die rätselhafte Kraft in Nonos Musik öffnet einen Raum, sich der Gewalt der Bilder zu stellen, ohne die Zartheit, die Fragilität und »das Wunder der Liebe« zu verleugnen. Selten bin ich so bewegt und beeindruckt aus einem Theater gegangen. Paradoxerweise fühlte ich mich bereichert und beschenkt, als hätte ich etwas Wunderschönes gesehen. ¶

Dominika Hirschler

... ist seit 2000 als freischaffende Sängerin im klassischen Konzertbetrieb unterwegs und steht gleichermaßen gern auf den Bühnen großer europäischer Konzerthäuser wie auf den Orgelemporen weniger prominenter süddeutscher Gotteshäuser. Was sie rund um ihren Beruf inspiriert, antreibt und umtreibt, ist auf ihrem Blog Innenansichten nachzulesen.