Der Godard dieses Rings heißt Corona. Denn was der berühmte französische Regisseur einmal in einem längst zu Tode zitierten Wort über Filmdramaturgie sagte (jeder Film brauche Anfang, Mitte und Ende, aber nicht unbedingt in dieser Reihenfolge), das besorgte für Stefan Herheims Neuinszenierung von Richard Wagners Vierteiler oder, wie’s der Kulturmensch nennt, Tetralogie niemand anders als die verdammte Pandemie. Sicher noch eine der geringeren Verheerungen, die die Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung anrichteten! Denn die Riesen-Operntankschiffe vom Schlag der Deutschen Oper Berlin sind strukturell ja das Unkaputtbarste des Kulturbereichs, und eine neue Ring-Inszenierung mehr oder weniger, nun denn, seien wir bei aller Wagnerliebe mal ehrlich …

Nun ist die Tetralogie ja eigentlich eine Trilogie mit Vorspiel, und dass Letzteres erst ein gutes halbes Jahr nach dem »ersten Tag« nachgeholt wurde, hat irgendwie auch was. Zumal Wagner den Ring zwar vorwärts komponierte, aber davor ja erstmal rückwärts dichtete: Von Siegfrieds Tod (später in Götterdämmerung umbenannt) ging es zur Vorgeschichte und von da zur Vorvor- und schließlich zur Vorvorvorgeschichte; und auch ein oder mehrere Vorvorvorvorgeschichten wären durchaus denkbar gewesen, Die gar lustigen Streiche des jungen Wotan an der Weltesche oder dergleichen.

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Der norwegische Regisseur Herheim aber gibt einen dieser typischen Regisseurssätze von sich, die bei Wagner immer gut klingen, aber, wenn man eingehender drüber sinniert, erstaunlich wenig besagen:

Das Zeit- und Raumgefüge ist in Der Ring des Nibelungen nicht linear, sondern kreisförmig, wodurch der zeitlose Mythos ebenso archaisch wie modern erscheint.

Ach Gott, ja. Wie auch immer: Dass die gevierteilte Mythenmaschine Ring im ungeplanten Shuffle-Modus auf die Bühne kommt, hat für Herheims Neuinszenierung noch einen anderen, viel konkreteren Effekt als etwelche Zeitraumgefügskreiselei – nämlich die Chance zum Re-Start. Nach der eröffnenden Walküre im letzten Oktober schwante einem schon Schlimmes. Ein Hauptgewinn beim inszenatorischen Schiffeversenken nämlich, wo man mit vier Treffern das ganz lange Dinge in den Meeresabgrund schicken kann. Und das ausgerechnet an der Deutschen Oper, wo Götz Friedrichs legendärer Zeittunnel-Ring einst Maßstäbe setzte! Auf Augenhöhe sollte die Neuinszenierung sein, kündigte das Haus an, aber Die Walküre kam doch eher auf Hühneraugenhöhe; und dann dräut an der Staatsoper Unter den Linden demnächst auch noch ein neuer Ring ….

Foto: DAS RHEINGOLD • Valeriia Savinskaia, Markus Brück, Irene Roberts, Karis Tucker (v.l.n.r.) • Regie: Stefan Herheim • Premiere: 12.6.2021 • © Bernd Uhlig

Du siehst, mein Sohn, zum Klavier wird hier das Bett.

Doch dann wurde das nun zu besichtigende Rheingold doch nicht der erwartete zweite Treffer, sondern ein Schuss ins Wasser – was in dem Fall mal eine gute Nachricht ist, für die Kunst nämlich, Wagners Mythentanker kreuzt erstmal weiter. Oder unverblümt: Das nachgeschobene Rheingold ist weniger zäh und insgesamt viel lebendiger als Die Walküre. Dabei war Herheims Erwiderung auf Kritik an seiner Walküre-Regie ärgerlich faul, ja geradezu infam. Den Einwand, seine Verwendung von Flucht- und Exilmetaphern mit Kofferbergen aus dem Bildgedächtnis von Zweitem Weltkrieg und Shoah sei leichtfertig oder abgedroschen oder abgedroschen und leichtfertig, beliebte Herheim im Interview so zu kontern:

Der Vorwurf, solche Mittel wären längst abgegriffen, ist mir ebenso suspekt, wie die Forderung mancher Parlamentarier im heutigen Bundestag, über ein Kapitel deutscher Geschichte endlich hinwegzukommen, das erst ein Mannesalter zurückliegt, die Vernichtung ganzer Völker systematisierte, die zivilisierte Welt in Flammen steckte und sie für immer veränderte.

Das ist allerdings ein starkes Stück: die Andeutung von Geistesverwandtschaft zwischen Rezensenten, die Herheims künstlerische Mittel bemängeln, und den Schlussstrich-Krakeelern der AfD.

Eklatant schlüssiger werden die Walküre-Vorgänge durch das nachgeholte Vorspiel zwar nicht wirklich. Dass hier eine Gruppe von Menschen auf der permanenten Flucht ist und sich aus der eigenen Not in immer neue und ausufernde Spielsituationen zu eskamotieren scheint, hatten wir schon zwischen Hundingheim und Walkürefelsen geschnallt. Auch die Materialien, aus denen Heim und Felsen dort bestanden wie hier nun Rhein, Nibelheim und Walhall, neigen nach wie vor zum Nerven: ebenjene Unmengen von Koffern, dazu schwenkbare Tücher und Riesenbettlaken wie einst in der Oberstufe im Kurs Darstellendes Spiel. Und als Keimzelle von allem, was passiert, ein Konzertflügel.

Dieses Zentralklavier erinnert ein wenig an das Zentralbett in Herheims Bayreuther Parsifal von 2008 (wie es hier überhaupt manche Wiedergängerei in Variationen gibt, etwa wenn statt in den Bayreuther ledernen Gestapomänteln in grauen Wehrmachtsmänteln getanzt wird). Aber eine Heia in der bettlägrigen Gralswelt scheint irgendwie naheliegender als ein Klavier im Ring. Auch musikalisch drängt es sich doch nicht gerade auf in Anbetracht von Wagners magischer Mischklangmaschine, auch wenn Wagner am Klavier komponiert haben mag (ja, ja) und ein Klavier überhaupt sowas von neunzehntes Jahrhundert ist (ja, ja).

Nicht unstatthaft, aber recht erwartbar sehen wir also zu Beginn des Rheingolds den einsamen Flügel auf der Bühne, zu dem die Flüchtlingskolonne erscheint und das Spiel in Gang setzt. Auch wenn das Ganze nicht unbedingt stringenter wirkt als in der Walküre, wird es sich hier doch wesentlich erfüllter zeigen – und zwar dank lebendigerer Personenregie, flexiblerem Einheitsbühnenbild, knisternderem Witz und überhaupt größerer Spielfreude.

Denn das Hauptproblem der Walküre war ja nicht das konzeptuelle Paar Flucht/Spiel an sich oder das Schwerverständliche (es gibt ja aufregend Enigmatisches), sondern eine geradezu bestürzende Diskrepanz: der Leerlauf, der Mangel an Bühnenleben – so wenig Spielerisches auf der Bühne bei so viel programmatischer Rede von »Spiel«, das hatte schon was Spielverderberisches!

Foto: DAS RHEINGOLD • Andrew Harris, Jacquelyn Stucker (v.l.n.r.) • Regie: Stefan Herheim • Premiere: 12.6.2021 • © Bernd Uhlig

Spielbelebung und Erniedrigungslust

Ein Ausbund von belebtem Spiel ist der Alberich von Markus Brück, der sich nicht nur anfangs eine Clownsvisage schminkt, die dann in Nibelheim in Kombination mit stampfenden Nibelungen in besagten grauen Wehrmachtsmänteln zur zombiehaften Werwolf-Schminke wird. Auch die traurige Trompete des Zirkusalbs lässt sich problemlos in eine Militärtröte verwandeln. Dazwischen aber symbolisierte ihr Blitzen und Blinken das Aufleuchten des reinen Goldes. Das ist ein unterhaltsamer Historien- und Mythen-Eklektizismus, auch wenn in dem kuddelmuddligen Durcheinander klare Gedanken oder leitende Ideen nicht wirklich deutlich werden. Müssten sie? Jedenfalls gelingt es auf dieser Folie einem hervorragenden Sängerdarsteller wie Brück, seinem Alberich so viele Facetten zu verleihen, dass er zur konkurrenzlosen Hauptfigur wird. Was bei einem insgesamt überzeugenden Ensemble was heißen will.

Zu diesen Facetten gehört die Tragikomödie der lüsternen Erniedrigung. Es kalauert immer wieder in dieser (trotz der gedeckten Farben) kunterbunten Quetschkommode Rheingold. Vielleicht sind ja unsere Ansprüche nach vielen Monaten Oper-Entzug gesunken, so dass man alles goutiert, was nicht bei Drei auf der Weltesche ist – aber es sind doch ziemlich gute Kalauer dabei. Etwa wenn Alberich johlt: Garstig glatter glitschriger Glimmer! Wie gleit ich aus! justamente, da er seine gierigen Grabbler unter Woglindes Rock fingern lässt. Oder wenn er, der diese ganze erste Szene als fast schon schulbuchmäßige small-penis-humiliation erleben musste (oder durfte), im dritten Bild den herabgestiegenen Göttern seinen offenen Mantel präsentiert. Wie wuchs so rasch zum riesigen Wurme der Zwerg!, staunt da der Alpha-Bull Wotan, bevor sein Adlatus Loge das Zwergengemächt wieder auf Krötengröße schrumpft, dass die feinste Klinze dich fasse.

Pubertär? Vielleicht. Aber die Pubertät ist ja selbst eine einzige mythische Verwandlungskunst und die menschliche Sexualität überhaupt ein einziges Pendeln zwischen innerem Riesenwurm und kriecherischer Klinzenkröte. Und angesichts von Meisters notorischem Crossdressing und Samt-und-Seiden-Fetischismus (worüber seine Frau Cosima die Nase rümpfte) darf sich hier sowieso kein Wagnerist beschweren.

So summt und brummt sich die Phantasie fröhlich durch den Vorabend. Die Kofferberge verklumpen sich auch mal zu Riesenköpfen, Leder ist mein Gemüse, frei nach Giuseppe Arcimboldos berühmten Veganporträts. Sängerisch wäre noch der quirlige Thomas Blondelle hervorzuheben, der als Loge seinen Tenor bis ins Kabarettisten-Falsett ausreizt und dabei jenes Gustaf-Gründgens-Mephisto-Kostüm trägt, das auch ein bisschen an Mickymaus erinnert.

Foto: DAS RHEINGOLD • Andrew Harris, Thomas Blondelle, Tobias Kehrer, Annika Schlicht, Jacquelyn Stucker, Derek Welton, Thomas Lehman (v.l.n.r.) • Regie: Stefan Herheim • Premiere: 12.6.2021 • © Bernd Uhlig

Derek Welton ist ein eher solider Wotan, von noch fast jugendlicher Virilität und ganz ohne das Vorherbstliche anderer Rheingold-Wotane. (Wie er mit dieser Ausstrahlung freilich den Wanderer im Siegfried tragen wird?) Eindeutige Hausherrin – was nichts mit Hausdrache zu tun hat! – ist die sehr differenzierte Fricka von Annika Schlicht. Andrew Harris gibt einen Fasolt von rührend liebeswünschendem Schmelz, auf den Jacquelyn Stuckers Freia verständlicherweise heimlich anspringt. Stuckers Sopran ist dabei von ebenso rollendeckender Frische wie das starke Rheintöchtertrio Valeriia Savinskaia, Irene Roberts und Karis Tucker. Und die schöne Stimme von Judit Kutasi, die die Erda singt, wirkt diesmal viel stabiler als bei früheren Gelegenheiten, das Flatterige hat sie erfreulich abgelegt.

Dazu kommt, dass das Orchester der Deutschen Oper unter Donald Runnicles zwar bekanntermaßen wenig zum musikalischen Feuerzauber neigt, aber doch in seiner Konzentration weit übers Sach- und Sängerdienliche hinaus musiziert. Es ist wagnerische Wertarbeit mit wenigen wohlgesetzten Eruptionen. Und wenn beim Betreten Nibelheims statt des üblichen silbernen Hämmerns so etwas wie goldene Gamelangongklänge zu hören sind, ereignet sich tatsächlich einmal ungehörte Magie.

Kunterbunte Quetschkommode? Nach der Walküre kommt das Rheingold, doch Stefan Herheims neuer Berliner Ring des Nibelungen versinkt doch erstmal nicht. Eine Kritik in @vanmusik. Klick um zu Tweeten

Der dann doch hoffnungsvolle Eindruck dieses Rheingolds wirft am Ende die Frage auf, ob die Walküre-Misere stärker unter dem fehlenden Vorabend litt als seinerzeit vermutet. Oder war sie einfach schlechter? Vielleicht könnte das Wiedersehen im Gesamtzusammenhang doch spannender werden als gedacht.Wobei man die nächsten hundertachtzig Grad dieses Rings gern ohne weitere dramaturgische COVID-Dreher erleben möchte! Und gewiss, man soll die Götterdämmerung nie vor dem Weltuntergang loben. Cliffhanger allerdings kann Herheim auch ganz gut, das war schon am Ende der Walküre zu sehen. Beim Einzug der Götter nach Walhall nun schaukeln Siegmund und Sieglinde als Embryos in der Weltesche, und da kann auch der böslaunigste Wagnerianer nicht meckern. Selbst wenn auch die Weltesche aus diesen Darstellendes-Spiel-Riesenbettlaken besteht. ¶


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Albrecht Selge

...lebt in Berlin, liebt Musik, schreibt Romane: Fliegen (2019) und Beethovn (2020). Und führt nebenher das Blog Hundert11 – Konzertgänger in Berlin.