Jeder Konzertgänger kennt Stücke, die er nicht mehr hören kann. Man lehnt sich zurück, begibt sich vielleicht in Morpheus‘ Arme – ihr weckt mich, wenn es vorbei ist –, und dann, selten, passiert es: Bei den ersten Tönen des platt gehörten Werks schreckt man aus dem Dämmerzustand hoch – Ach so? Kein Geigern löst bei […]
Schlagwort: Geige
Warum eigentlich nicht? ›Die vier Jahreszeiten‹
Es gibt genug Gründe, Die vier Jahreszeiten zu hassen: Das letzte Mal habe ich den Frühling – ungewollt – auf meinem Heimweg im Busbahnhof Walthamstow im Osten Londons gehört. Seitdem man bei ›Transport for London‹ festgestellt hat, dass klassische Musik junge Menschen davon abzuhalten scheint, an Bahnhöfen abzuhängen (2006 war das), wird dort Vivaldi, Mozart […]
Unheile Welt
Das Konzert für Violine und Orchester von Alban Berg gilt als tiefgründig, großartig, grundtraurig, meisterhaft – und dafür, dass es von Alban »Publikumsgift« Berg stammt, wird es sogar erstaunlich häufig gespielt. Und noch häufiger aufgenommen. Will man »groß« sein, muss man auch (auf) »groß« machen und als geigende Person unbedingt irgendwann – no matter what […]
»Ich möchte dieses Land nicht boykottieren, weil ich daran glaube, dass es sich wiederfinden kann.«
Über die Blauäugigkeit im Umgang mit Russlands imperialistischen Bestrebungen, die geheim nie waren, ist seit dem Beginn des Ukraine-Krieges viel nachgedacht worden. Trotzdem bleibt es irritierend, wie groß zum Beispiel der Wunsch war, Valery Gergievs sehr laute Kreml-Propaganda zu überhören. Im Vergleich wirkt die Haltung der Geigerin Lisa Batiashvili rückblickend nicht nur erstaunlich hellsichtig, sondern […]
Ausdruck und Reiberei
Manche Menschen kommen ohne Ouvertüre auf die Welt. Sie erzählen einfach drauf los. Zu diesem Typus gehört wohl auch der 1865 in Sankt Petersburg geborene Komponist Alexander Glasunow. Ich kenne kaum eine andere Musik, die derart voraussetzungs- und einleitungsfrei mitteilt, was Sache ist. Ich spreche von seinem Konzert für Violine und Orchester a-Moll op. 82, […]
Kammerfunkig
In Berlin kann der emsige Konzertgänger jede Woche sein eigenes Kammermusikfestival kuratieren. Er kann da zum Beispiel am Montag exquisites Trio hören, am Dienstag spannungsreiches Quartett, am Mittwoch fein nachdenkliches Duo. Dazu muss er nicht mal in den Kammermusiksaal der Philharmonie pilgern, der mit seinen 1.200 Plätzen so groß ist wie andernorts »Große Säle« und […]
Das Umami der Sequenzen
Haydn, Mozart und Salieri waren Fans der blinden Pianistin, Lehrerin, Komponistin, Sängerin und Organistin Maria Theresia von Paradis (1759–1824). Die gebürtige Wienerin komponierte Lieder, Kantaten, Solo-Konzerte, Kammermusik und Opern. Berühmt ist sie bis heute – leider muss man sagen – »nur« für ein einziges Stück. Und das ist angeblich noch nicht einmal von ihr. Na […]
»Ich dachte, dass ich nicht überleben würde. Aber dann begann ich, Geige und Geigenbau zu studieren.«
2005 kam eine belgische NGO mit einem Lastwagen voller Musikinstrumente nach Ramallah, um sie der gemeinnützigen Musikschule Al Kamandjati (»Der Geiger«) zu spenden. Einer der Jungen, der beim Ausladen der Geigen, Bratschen, Celli, Kontrabässe und Gitarren half, war der 15-jährige Shehada Shalalda, der in der Nachbarschaft wohnte. Shalalda, mittlerweile 33, arbeitet heute viel für die […]
Schätzefindend
Was es mit dem ominös-antiken Begriff »Rundfunk« anno 2023 noch auf sich haben kann und soll, bleibt eine heikle Frage. Aber dass unsere vertraut-gegenwärtigen Rundfunkorchester eine zentrale Rolle in unserem Musikleben spielen, zeigten dieser Tage wieder mal zwei außerordentliche Konzerte des Deutschen Symphonie-Orchesters und des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin: hier dreifaches Debüt auf hohem Niveau, dort transkanalige […]
»Der Umgangston ist heute schon ein anderer als bei euch früher, oder?«
In den 1980er Jahren schwappte eine Welle der Ensemblegründungen durchs Land: Ensemble Modern (1980), die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen (1980), Akademie für Alte Musik (1982), Concerto Köln (1985), Ensemble Recherche (1985). Sie verband der Wunsch, einen Gegenentwurf zu den großen, öffentlich finanzierten Sinfonieorchestern zu bilden, bei denen die Strukturen als zu hierarchisch und das Repertoire als […]
