Carl Maria von Weber ist ein Nordlicht. Er kam im November 1786 in Eutin zur Welt. Daheim wurde eifrig musiziert. Und man reiste viel in Sachen Kunst: Die Eltern – Musikerin und Musiker – gründeten ein fahrendes Theater. Und auch durch Carl Marias Cousine Constanze (1762–1842) lag der Duft von Ruhm und Legendentum in den familiären Räumen der Webers, war Constanze doch mit Wolfgang Amadeus Mozart verheiratet. Mit zehn Jahren erhielt Carl Maria von Weber Klavierstunden und schrieb emsig kontrapunktische Stücke auf. 1804 zog es Weber als Kapellmeister nach Breslau, dann nach Prag – und ab 1817 war er als Königlicher Kapellmeister und Direktor des Dresdner Hoftheaters tätig. Im selben Jahr heiratete er die Sängerin und Schauspielerin Caroline Brandt (1794–1852). Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor.
Weber wurde zu einem gefeierten Opernkomponisten, doch auch Teile seines instrumentalen Oeuvres spielen bis heute eine Rolle im Musikleben: Seine zwei gegensätzlichen Klarinettenkonzerte finden sich neben dem Mozartschen A-Dur-Klarinettenkonzert bis heute, was diese Besetzung angeht, am häufigsten auf den Konzertprogrammen der westlichen Welt. Und auch das 1815 veröffentlichte Klarinettenquintett B-Dur erfreut sich großer Beliebtheit. Doch vor allem die Uraufführung des Freischütz am 18. Juni 1821 im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt wird zu einem Markstein der Musikgeschichte – ein ästhetischer Ausgangspunkt, ohne den Wagner nicht denkbar gewesen wäre.
Im Jahr des 200. Freischütz-Uraufführungsgeburtstags fragen wir Joachim Veit nach dem aktuellen Forschungsstand in Sachen Weber, nach seinen persönlichen Weber-Vorlieben und nach entsprechenden Streitpunkten. Veit ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Editionsleiter der Carl-Maria-von-Weber-Gesamtausgabe am Musikwissenschaftlichen Seminar Detmold/Paderborn.
VAN: Carl Maria von Webers ›Romantik-Geburtsstunden-Oper‹ Der Freischütz ist das mit Abstand bekannteste Werk des Komponisten? Zu Unrecht?
Joachim Veit: Ein klares ›Jein‹! Webers Freischütz verdankt seine von Beginn an außerordentliche Popularität der Tatsache, dass die Berliner Uraufführung im Juni 1821 ein herausragendes kulturpolitisches Ereignis in einer heißen Phase der Auseinandersetzungen zwischen höfischer und bürgerlicher Kunst war. Als Versuch, ein nationales Selbstverständnis in und durch Kunst zu etablieren, war sie offensichtlich ein Idealfall. Dennoch muss man zugestehen, dass die Oper auch musikalisch einen Nerv traf, denn der selbst für heutige Zeiten kaum vorstellbare Erfolg zeigt sich schon allein darin, dass Ende 1823 bereits sage und schreibe mehr als 80 Bühnen das Werk übernommen hatten. Das spricht dann doch für die musikalische Qualität! Es ist nur bedauerlich, dass Webers künstlerische Weiterentwicklung in Euryanthe und Oberon heute kaum noch zur Kenntnis genommen wird. Die Zeitgenossen haben hier von einem Zuwachs an ›Charakteristik‹ gesprochen. Um dies nur durch zwei Beispiele zu illustrieren: In der Szene, in der Euryanthe einsam und allein in der Wildnis zurückgelassen wird, findet Weber zu einer konzisen kammermusikalischen Sprache, in der die Instrumente nicht irgendwelche ›Melodien spielen‹, sondern in einer Weise zu ›reden‹ beginnen, die das Innere gewissermaßen hörbar nach außen spiegelt. In nur wenigen hohen, dürren Tönen des einsamen Fagotts wird etwas physisch erlebbar, was in Worten nicht zu fassen ist. Neben dieser zunehmenden Tendenz zum Kammermusikalischen – das ich persönlich ähnlich bei Mahler erlebe – stehen als Kontrast gewaltsam wuchtige und uns in einen überwältigenden Strudel mitreißende Passagen wie im II. Finale bei dem Chor Du gleißend Bild, du bist enthüllt. Für all diese kontrastierenden Stimmungen – und an deren Vielfalt war Weber bei einem Libretto in erster Linie interessiert! – findet er eine jeweils charakteristische Klanglichkeit: bei Euryanthe in einer mittelalterlich-ritterlichen, bei Oberon in der duftig-leichten Elfensphäre, gemischt mit Orientalismen. Diese Farbwechsel sind Weber wichtiger als eine konsequente dramatische Anlage, die vielleicht am ehesten in den Akten I und II des viel populäreren Freischütz zu finden ist. Aber Popularität und künstlerische Qualität müssen ja nicht unbedingt deckungsgleich sein!

