Wie eine Alien-Parade muss Otto und Frieda Normalbayreuther dieser allsommerliche Aufmarsch der Wagnerfreunde erscheinen, 150 Jahre nach der zufälligen Erstlandung des Meisterraumschiffs im fränkischen Städtchen. Aber man integriert das Fremde! Im Frühstückszimmer meiner Pension, die zur Festspielsaison die Preise verdoppelt, prangt ein Druck der jungwagnerschen Dirigiersilhouette harmonisch neben drei kapitalen Hirschgeweihen. Und mit etwas Mühe findet die extraterrestrische Lebensform auch spätabends nach Meistersingerschluss irgendwo noch Nahrung (und sei es bei »Memo’s Berlin Döner«, wenn man nicht im Gasthof Wolffenzacher reserviert hat).
Doch die Zeiten sind hart für die Festivalstadt. Alle Wagner-Opern in drei Wochen, wirbt das hinterlistige Leipzig direkt am Bahnhof der Hirsch-und-Wagner-Kapitale, wo es heuer »nur« vier der zehn kanonisierten Werke gibt: Holländer, Tannhäuser, Meistersinger und Walküre. Dass Leipzig am ICE-Netz hängt, während Bayreuth nur Bummelregio hat, braucht man gar nicht erst zu erwähnen. Vor zwei Jahren traf ich allerdings einen betagten britischen Wagnerianer, der jeden Sommer mit der Eisenbahn von Birmingham erst an den Bodensee und dann via Bayreuth nach Venedig fährt. Dieses alte Europa, das sich in gemächlicherem und irgendwie doch kultivierterem Tempo bewegt als die Jungen und Mittleren, das gibt es noch. Ob der Birminghamer dieses Jahr wieder da ist, nachdem das Festival 2020 wegen Pandemie ganz ausfiel? Getroffen habe ich ihn nicht, wie überhaupt und leicht erklärlich kaum außerdeutsches Publikum da ist. Es war auch noch nie so leicht wie 2021, Bayreuthkarten zu ergattern – und das, obwohl nur die Hälfte der Tickets verkauft wird, da man im einigermaßen luftigen Schachbrettmuster sitzt. Was unbekannte Beinfreiheit gönnt.

