Veröffentlicht inRecherche

Im Ohr und unter den Händen

»Regungslos liegen der Zwerg und sein zweites Ich auf der Orchesterbühne. Ghita eilt bestürzt zum Zwerg und kniet sich neben ihn. Fassungslos rüttelt sie an seinen Schultern und hält seine schlaffe Hand. Die Infantin steht abseits und verschränkt trotzig die Arme.« Audiodeskriptorin Anke Nicolai beschreibt eine der Schlüsselszenen von Zemlinskys Zwerg in einer Inszenierung von […]

Veröffentlicht inEssay

Queraussteigerin

Nachdem ein Schornstein mich, in einer Hängematte sitzend, wortwörtlich erschlagen hatte, kam ich im Juni 2021 mit einem lebensbedrohlichen Polytrauma auf die Intensivstation. Nur wenige Tage zuvor hatte ich erfolgreich mein Master-Studium abgeschlossen, eine Akademie- Stelle beim Frankfurter Opern-und Museumsorchester gewonnen und direkt auch eine Wohnung am neuen Arbeitsort gefunden. Im Angesicht größter Schmerzen, Todesangst […]

Veröffentlicht inKritik

Scheitern am Faktor Mensch

Drei weiße alte Männer mit rabenschwarzen Stimmen singen einander in Grund und Boden, zweieinhalb Stunden lang. Es kommt zu Handgreiflichkeiten. Warum? Kaum drei Minuten sind vergangen in Giuseppe Verdis später Oper Simon Boccanegra, da wird der Preis, um den es hier geht, erstmalig beim Namen genannt. In sanften Wellen spült das Meer einen Ohrwurm an […]

Veröffentlicht inReportage

Hidden Champions – 5. Station: Theater Heidelberg

Wer die Motive der Romantiker sucht, muss über den Schlangenweg oberhalb der Alten Neckarbrücke den Heiligenberg besteigen, vorbei an Weinterrassen und Obstwiesen und am Rand des Odenwalds in den berühmten Philosophenweg abbiegen. Etwas außer Atem drosselt man sein Schritttempo und begreift plötzlich, warum sich Goethe, Hölderlin, Eichendorff, Heine und so viele andere Dichter und Denker […]

Veröffentlicht inKommentar

Glitch im Gesamtkunstwerk

»Großzügigkeit. Seit 1949« lautet das Motto der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth, eines Zusammenschlusses von Mäzen:innen, die die Festspiele jährlich mit einer erheblichen Geldsumme (im Jahr 2021 mit ca. 5,4 Millionen Euro) unterstützen. Die Freude am Geben scheint jedoch schnell an ihre Grenzen zu stoßen, wenn auf dem Grünen Hügel Neues Einzug halten soll. Für […]

Veröffentlicht inKommentar

Niemals geht man so ganz

Jede Ära endet irgendwann. Außer, so schien es, Daniel Barenboims Regentschaft an der Berliner Staatsoper. Sein Vermächtnis für die Musikstadt Berlin ist gerade deshalb so monumental, weil es über das Musikalische weit hinausgeht. Statt sein Erbe bloß zu verwalten, braucht es nun einen echten Neuanfang.  Als Daniel Barenboim am 30. Dezember 1991 seinen Vertrag als […]

Veröffentlicht inInterview

»Schätzchen, wenn du nicht bekommst, was du willst, heißt das, dass Gott etwas Besseres für dich auf Lager hat.«

Die Welt der Oper war lange Zeit vor allem eins: weiß. Als erste Schwarze Sängerin schaffte es die Sopranistin Camilla Williams auf die Bühne eines großen amerikanischen Opernhauses. Als sie 1946 an der New York City Opera als Madame Butterfly debütierte, öffnete sie damit eine Tür, die für  People of Color bis dahin fest verschlossen […]

Veröffentlicht inInterview

»Viele sagen: Wenn ich komme, dann wird es ernst.«

Jede Konzertgängerin, jeder Theatermensch, Opernfan oder VAN-Leser hat wahrscheinlich schonmal ein Bild von ihr gesehen: Seit 30 Jahren gehört Monika Rittershaus zu den besten und gefragtesten Theaterfotograf:innen Europas. Eine Reihe von Opernhäusern, Regisseur:innen und Dirigenten wie Daniel Barenboim, Simon Rattle, Christof Loy, Barrie Kosky, Romeo Castellucci, Claus Guth oder Mariame Clément arbeiten bevorzugt – oder […]

Veröffentlicht inKritik

Antwort Liebe

Man muss das Lied von der grauen Taube nicht kennen, um gleich zu merken, dass die Sache nicht gut ausgeht. Die ersten Töne dieser späten Oper von Peter Tschaikowsky sind tieftraurig, nach russischer Art: eine von dunkel lodernden Holzbläsern getragene, in sich kreisende Melodie. Mitten ins Herz trifft das, weich und warm und beunruhigend, bevor […]

Veröffentlicht inKritik

Raus aus dem Schlamassel

Von »Wiedergutmachung« kann sowieso keine Rede sein. Das Wort wird automatisch zum Euphemismus, wenn man es anwendet auf die im »Tausendjährigen Reich« angerichteten Verheerungen. Zu viele Dichter, Musiker, Maler, Film- und Theaterleute wurden in der nur zwölf Jahre andauernden nationalsozialistisch kontrollierten Regierungszeit mundtot gemacht. Ins Exil oder in den Tod getrieben, die Karrieren gekappt und […]