Mit einer Hand auf dem Herzen und der anderen locker in der Flügelbeuge abgelegt, steht Doğa Eren Birlik auf der Bühne des Süreyya-Kulturzentrum in Istanbul und singt aus tiefster Seele. Es ist ein besonderer Tag für die gerade mal 22-jährige Türkin: Sie hat es in die Finalrunde des Suna Korad Gesangswettbewerbs geschafft. Dafür hat sie die […]
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Wie ich versuche, in einer deutschen Stadt politisch zu musizieren
Ich habe einen Tagtraum. Man könnte es auch einen Plan nennen. Aber dann würden mich viele erst recht für einen Träumer und Luftikus halten, und sie hätten allen Grund (ich habe den Plan auch schon lange verworfen). Am Platz vor der alten Stadthalle in Falkensee demonstrieren montags Anhänger der AfD und sogenannte Querdenker. Früher waren […]
Quartvorhaltsschleife, Alberti-Bass und Kadenz-Abschluss-Triller
Knisterndes Bonbonpapiergeräusch im schönsten Mahler-Pianissimo, Husten in die heilige Bruckner-Symphonie-Generalpause hinein, mitfilmende iPhone-Ignoranten beim Einsatz der berühmten Solistin in Tschaikowskys Violinkonzert: Viele Dinge der »Klassik-Szene« nerven. Aber wie schaut es eigentlich mit klassikimmanenten Phänomenen aus, mit Floskeln, die sich häufig interesselos wie von selber abspulen? Ein Ranking der zehn ausgelutschtesten Stilmittel Platz 10: Die Quintfall-Sequenz […]
So schmal! Am Schubert-Grat
Eine Kolumne soll eine Meinung haben; diese hier heute hat eine Ambivalenz, und das kommt so: Vor ziemlich genau einem Jahr wollte ich mich, bei einem Familienbesuch mit unter anderem einem damals Dreijährigen im Schubert-Geburtshaus im Wiener Alsergrund schon etwas über das rüde Disziplinarregime des aufpassenden Personals (»Hier wird nicht gelaufen!«) aufregen, vor allem aber […]
Wir sind nicht die, die sind nicht wir.
Geschichte wiederholt sich. Aber Vorsicht: Es gibt Varianten. Gerade die liebliche Luftkunst Musik tritt, ob uns das nun in den Kram passt oder nicht, immer wieder neu und anders in die politischen Fettnäpfchen, die ihr die Zeitgeschichte bereitstellt. Es war einmal, da wurde an der Deutschen Oper Berlin die vierte der zehn Opern des italienischen […]
»Ich habe immer das Gefühl gehabt, ich gehöre hierher.«
»Ich hab’ Ihnen ja gesagt, ich rede viel«, sagt sie lachend nach einer Stunde, der eine weitere folgt. Der Ort unseres Treffens zeigt, wie gut vernetzt die Pianistin Ragna Schirmer in ihrer Wahlheimat Halle ist: Einen Konferenzraum der IHK hat sie organisiert, Kaffee und Wasser stehen bereit, auch das Laptop der Musikerin. Schirmer ist die […]
»Die Axt an die Ensembles wird heute keiner mehr ansetzen.«
Dass im »sozialistischen Staat deutscher Nation« – neben dem Ampelmännchen – auch anderes »nicht schlecht« war, ist mittlerweile eine gut dokumentierte Erkenntnis. Beispielsweise besaß die DDR zum Zeitpunkt ihres Abgangs mit 76 professionellen »Kulturorchestern« eine höhere Orchesterdichte als jedes anderes Land der Welt. Wie die Soziologin Jutta Allmendinger in ihrer 1993 erschienen Studie Staatskultur und […]
Weiße Fahne, aber wer muss sich ergeben? (Post aus Wien #2)
Eins zwei drei, eins zwei drei. Nein, kein Walzertakt, sondern die innere Stimme am Morgen nach der österreichischen Nationalratswahl, bei der fast ein Drittel der stimmabgebenden Bevölkerung die rechtsradikale FPÖ und ihren Wannabe-Volks- und Festungskanzler Kickl gewählt hat. In Wien aber doch nicht! Man sucht Zeichen im Gesicht der lieben Wiener im Kaffeehaus oder bei […]
Because why not
»Man braucht ein bestimmtes Wissen, eine historische Einordnung, um eine vertiefte Emotion herstellen zu können«, sagt über alte Musik der Kritiker Clemens Goldberg, der für derlei Wissensvermittlung bei seinem öffentlich-rechtlichen Sender Radio3 im Zeitalter der Durchhörbarkeit keinen Platz mehr sieht. Am anderen Ende der Näherbringungsskala steht derzeit der junge polnische Countertenor Jakub Józef Orliński, der […]
Musikalische Phantomschmerzen, inszenatorische Sackgassen, untote Debatten
»Mit jeder Theatersaison kehrt sie wieder, jene Protestliturgie von Opernkonsumenten, -produzenten und -rezensenten, die das Musiktheater auf je ihre Art vermaledeien. Das Resultat ist Dauerstress, der schließlich in den Stillstand mündet; man wird das Gefühl nicht los, dass der Patient zu Tode gepflegt wird. Die Tatsache, dass sich die Fronten verhärtet haben, zeigt, dass der […]
