Eine Kolumne soll eine Meinung haben; diese hier heute hat eine Ambivalenz, und das kommt so: Vor ziemlich genau einem Jahr wollte ich mich, bei einem Familienbesuch mit unter anderem einem damals Dreijährigen im Schubert-Geburtshaus im Wiener Alsergrund schon etwas über das rüde Disziplinarregime des aufpassenden Personals (»Hier wird nicht gelaufen!«) aufregen, vor allem aber über eine bei einem wie Schubert schon überraschend museal-tote Präsentation. (Über einfallslose Musiker-Ausstellungen demnächst mehr.)
Hier ist von dem Wunder zu berichten, wie Schubert für ein paar Momente ins tote Schuberthaus zurückkehrte. Als nämlich unvermutet zwei Herren mittleren Alters erscheinen; einer hat seine Gitarre dabei, der andere ist schnell zu erkennen als einer der wunderbarsten Tenöre seiner Generation. Julian Prégardien probiert für ein denkwürdiges Viertelstündchen die Akustik des Ortes mit dem Bächlein aus der Schönen Müllerin, Test und Vorklang für eine ganze Reihe von Müllerin-Konzerten an verstreuten Wiener und dann auch vielen anderen Orten. Und es klingt toll und macht vorstellbar, was ein paar Meter weiter auf Schwinds Zeichnung einer idealen »Schubertiade« zu sehen ist: Musik im Zentrum einer gelassen aufmerksamen kleinen Gesellschaft. Ohne Aufpasser. Der Dreijährige saß bei der Mama auf dem Schoß und hörte einfach zu.
Julian Prégardien, längst so viel mehr als bloß der Sohn seines bedeutenden Sängervaters, ist ein fabelhafter Mobilisator für Schubert und das Kunstlied überhaupt. Das Müllerin-Projekt verband live-Präsenz mit Video und jetzt gibt es die Schöne Müllerin, mit Kristian Bezuidenhout auf einem rekonstruierten 1825-Conrad Graf-Fortepiano, auch auf CD.
Tatsächlich ist es eine Freude, den beiden zuzuhören. Aber jetzt kommt auch die Ambivalenz. Denn so sympathisch die espressivo-Freiheiten sind, die der Sänger sich nimmt, die freien, spontan wirkenden Verzierungen, die die Wiederholung einer Strophe als Ereignis eines Neuen ausstellen, so inhaltlich einleuchtend die Wechsel ins Deklamieren, die Dehnungen, die Schwellkünste des messa di voce, so betörend und intim Prégardiens Piani im hohen Register klingen, so gut die Künstler im Booklet die Zulässigkeit und Bedeutsamkeit der Ornamentik bei gerade diesem Werk begründen: Mir wurden es bald der Ausdrucks-Ausrufezeichen zu viel. Auch ein pianissimo kann (zu) laut sein, wenn es ruft: schau mich an, was für ein seidenfeines Pianissimo ich bin! Oder wie man es klingen lassen kann wie Steine schwer sind, wenn im Text Steine schwer sind. Bei Schumanns Dichterliebe war’s besser dosiert. Hier scheint es mir: eindrucksvoll, bemerkenswert, ja – und doch eine Nuance zu nah an der Schubert-Gefahrenzone des Manierierten. Live und Konserve ist was anderes, und beim Wiederhören entzaubert sich manches Kunststück. Das ist, im Fall dieses klugen Sängers, eine Klage auf aberwitzig hohem Niveau. Ungezählt aber all die Winterreisen, Müllerinnen, Dichterlieben, die sich in den Mühen um Unverwechselbarkeit mit Übertreibungen verzetteln; oder, andersherum, im Meer des Mittelmaßes untergehen. Der Grat ist schmal, unbarmherzig schmal. ¶

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