Gerontius war ein spätantiker römischer General, aber mit dem hat Elgars Oratorium The Dream of Gerontius gar nichts zu tun. Sein Gerontius, auf einen 1865 von dem englischen Kardinal John Henry Newman verfassten und seinerzeit in katholischen Kreisen ziemlich populären Text, dieser Gerontius ist einfach ein alter Mann, es könnte jeder sein, entsprechende Glaubensgrundlagen vorausgesetzt. […]
Autoren-Archive: Holger Noltze
…ist Musikjournalist und war bis 2023 Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund, wo er den Studiengang Musikjournalismus leitete. Er ist im WDR und Deutschlandfunk zu hören und schreibt u. a. für Opernwelt und die FAZ. 2020 erschien sein Buch ›World Wide Wunderkammer. Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution.‹
Ein Herr
Einer seiner letzten Texte in der F.A.Z. war der Nachruf auf den belgischen Bariton José van Dam. Es war einer dieser einlässlichen, genauen Texte, wie man sie von ihm kannte, und er eröffnete sie mit einer überraschend grundsätzlichen Frage: ob es sängerisches Genie gebe. Überraschend, weil er selbst ja vielfach und in einem langen Kritikerleben […]
Väter-Katastrophen, immer wieder
Kein Meer, nirgends. Dabei hat Verdi es, als Aussicht ins Freie, als Traum von einem anderen Leben und einer anderen Welt, doch so eindrücklich sehnsuchtsvoll komponiert. Nur das Meerblau des hochgeschlossenen Kleids der Amelia lässt daran denken, und wie Fabio Luisi mit dem Koninklijk Concertgebouworkest im Graben der Amsterdamer Oper diese Meer-Musik klingen lässt, ist […]
Es ist nicht mehr sein Problem: »Macht eure Scheiße alleine«
Die Wiener Festwochen, die sich mit Milo Rau als Freie Republik ausgerufen haben, feiern 75 Jahre, sie haben Patti Smith eingeladen mit einer Carte Blanche. Sie durfte machen, was immer ihr einfiele; es fiel ihr dann aber nur ein Konzert ein, was aber für die Patti-Fans auch seine Ordnung hatte. Überall in der Stadt beziehungsweise […]
Möschs Bayreuth
Diesen Freitag werde ich mich mit Stephan Mösch unterhalten, beim Wagner-Kosmos, den Dortmunds Opernintendant Heribert Germeshausen jedes Jahr um des Meisters Geburtstag herum als eine Art Familientreffen mit Vorträgen, Diskussionen und abends Aufführungen organisiert. Mösch ist Professor für Geschichte, Ästhetik und künstlerische Praxis des Musiktheaters in Karlsruhe, aber auch Kritiker, für FAZ und Opernwelt, und er ist […]
Weimarer Klassik
Es sei ihm, hat er einmal gesagt, nie gelungen, sich prominent zu finden. Er war es aber doch, seine Prominenz war eine eigener Art; Peter Gülke war kein Pultstar, alles Pfauenhafte, eine Jet-Set-Existenz musikalischer All-Präsenz lag ihm fern. Wenn, im Deutschen jedenfalls, ein Dirigent als guter »Kapellmeister« gelobt wird, dann schwingt dabei immer auch der […]
Mittwochabend am Gral
Alles sollte es sein, bloß keine »Oper«. Und so gab Wagner seinem opus ultimum den krudesten aller Genretitel: Bühnen-weih-fest-spiel. Was das nun soll? – ›Das sagt sich nicht‹, ließe sich Ritter Gurnemanz zitieren, als der reine Tor Parsifal, noch nicht durch Mitleid wissend geworden, fragt, worum es sich bei diesem Gral denn wohl handelt. Irgendwie […]
Nicht schreien!
Am Sonntagmorgen hatte ich im Deutschlandfunk ›Die neue Platte‹ gehört, und die neue Platte war Raphaël Pichons Aufnahme der Johannes-Passion, »pünktlich zum Osterfest«: Der geschätzte Rezensent war sehr angetan, und über Pichons elastisch detailfreudiges und dabei unmittelbar berührendes Musikmachen mit dem sensationellen Chor und Ensemble Pygmalion hatte ich mich auch hier schon gefreut. Am Sonntag […]
Wellness im Neokortex
Gerade ziehen sich die Weltuntergangswolken wieder finster zusammen, es fehlen einem ja bald die Worte, und ab jetzt schaut höchstens noch der Geist von Habermas aus leerem Himmel auf all den irdischen Unsinn, mutmaßlich kopfschüttelnd. Da kommt eine gute Nachricht in der F.A.Z. gerade recht. »Neuste Erkenntnisse belegen: Wir können den gesundheitsfördernden Wert von Schönheit […]
Edmond Dédé, remembered [Bookletology #4]
Reiner Zufall, dass Morgiane, ou, Le Sultan d’Ispahan eine etwas konventionelle Heiratsverwicklungsgeschichte eben da spielt, wo gerade (neben anderen Orten) US-amerikanische Marschflugkörper ein marodes Regime zusammenbomben sollen. Die Story kann in Isfahan spielen, aber auch anderswo, und sie war, als Edmond Dédé den Schlusspunkt unter 545 Notenblätter setzte, 1887 in Bordeaux, ein abendfüllendes, ambitioniertes Exemplar […]
