Ich gebe zu, mein Weg zur Wertschätzung des Sängers Georg Nigl war nicht eben kurz, vielleicht auch ein Missverständnis. Eine arg überspannte Aufnahme von Loewes Erlkönig hatte mir zuletzt mal gar nicht gefallen. Dann erlebte ich ihn als sehr ernst-lustigen Eisenstein in Barrie Koskys Münchener Fledermaus und fand es toll, dann kam ein bemerkenswert komponiertes […]
Autoren-Archive: Holger Noltze
…ist Musikjournalist und war bis 2023 Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund, wo er den Studiengang Musikjournalismus leitete. Er ist im WDR und Deutschlandfunk zu hören und schreibt u. a. für Opernwelt und die FAZ. 2020 erschien sein Buch ›World Wide Wunderkammer. Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution.‹
Ah, moderno!
Riccardo Frizza hatte das Orchester des Teatro San Carlo, des ältesten (1737) bis heute spielenden Opernhauses der Welt, gerade mit ansprechender Leichtigkeit durch die Ouvertüre geführt: Musik eines Vierzehnjährigen!, da ging der Vorhang hoch und von hinter mir kam ein Stoßseufzer: ah, moderno! Nicht empört, nicht resigniert, bloß eine Feststellung. Claus Guth zeigt Mozarts erste […]
Präheroisches Musikmachen
Das Ende des alten Europa datiere ich auf den 16. Januar 1938. Es ist der Abend, an dem Bruno Walter im Wiener Musikverein Mahlers Neunte Symphonie dirigierte. Es war eines der letzten Konzerte, in dem Walter mit den Wiener Philharmonikern Musik machte, bevor er wegen seiner jüdischen Wurzeln aus jenem Österreich floh, das sich ein […]
Eine allgemeine Verlegenheit
Lange Zeit war ich alljährlich pünktlich am Ort, ab 25. Juli, doch die fear of missing out hat stark nachgelassen. Den 150. Bayreuther Jubiläumsjahrgang habe ich nur aus medialer Halbdistanz wahrgenommen. Wer hören mag, wie nun schon ganz hemmungsloses schmoozing geht, höre Axel Brüggemanns Podcast-Talk mit der von ihm geschätzten Katharina Wagner: Was haben wir […]
In Abels’ Welt
Es ist ein Ziegel von einem Buch, ein Monument der Belesenheit, vielströmige Quelle der Inspiration, und der dritte Band der Textsammlungen von Norbert Abels, der lange Dramaturg der Frankfurter Oper war. Noch einmal 978 Seiten, über die Oper als solche, über Wagner und Verdi und viele andere. Allein das Format hat was Einschüchterndes; man kann […]
Exerzitien in Zartheit
Gerontius war ein spätantiker römischer General, aber mit dem hat Elgars Oratorium The Dream of Gerontius gar nichts zu tun. Sein Gerontius, auf einen 1865 von dem englischen Kardinal John Henry Newman verfassten und seinerzeit in katholischen Kreisen ziemlich populären Text, dieser Gerontius ist einfach ein alter Mann, es könnte jeder sein, entsprechende Glaubensgrundlagen vorausgesetzt. […]
Ein Herr
Einer seiner letzten Texte in der F.A.Z. war der Nachruf auf den belgischen Bariton José van Dam. Es war einer dieser einlässlichen, genauen Texte, wie man sie von ihm kannte, und er eröffnete sie mit einer überraschend grundsätzlichen Frage: ob es sängerisches Genie gebe. Überraschend, weil er selbst ja vielfach und in einem langen Kritikerleben […]
Väter-Katastrophen, immer wieder
Kein Meer, nirgends. Dabei hat Verdi es, als Aussicht ins Freie, als Traum von einem anderen Leben und einer anderen Welt, doch so eindrücklich sehnsuchtsvoll komponiert. Nur das Meerblau des hochgeschlossenen Kleids der Amelia lässt daran denken, und wie Fabio Luisi mit dem Koninklijk Concertgebouworkest im Graben der Amsterdamer Oper diese Meer-Musik klingen lässt, ist […]
Es ist nicht mehr sein Problem: »Macht eure Scheiße alleine«
Die Wiener Festwochen, die sich mit Milo Rau als Freie Republik ausgerufen haben, feiern 75 Jahre, sie haben Patti Smith eingeladen mit einer Carte Blanche. Sie durfte machen, was immer ihr einfiele; es fiel ihr dann aber nur ein Konzert ein, was aber für die Patti-Fans auch seine Ordnung hatte. Überall in der Stadt beziehungsweise […]
Möschs Bayreuth
Diesen Freitag werde ich mich mit Stephan Mösch unterhalten, beim Wagner-Kosmos, den Dortmunds Opernintendant Heribert Germeshausen jedes Jahr um des Meisters Geburtstag herum als eine Art Familientreffen mit Vorträgen, Diskussionen und abends Aufführungen organisiert. Mösch ist Professor für Geschichte, Ästhetik und künstlerische Praxis des Musiktheaters in Karlsruhe, aber auch Kritiker, für FAZ und Opernwelt, und er ist […]
