Es sei ihm, hat er einmal gesagt, nie gelungen, sich prominent zu finden. Er war es aber doch, seine Prominenz war eine eigener Art; Peter Gülke war kein Pultstar, alles Pfauenhafte, eine Jet-Set-Existenz musikalischer All-Präsenz lag ihm fern. Wenn, im Deutschen jedenfalls, ein Dirigent als guter »Kapellmeister« gelobt wird, dann schwingt dabei immer auch der […]
Autoren-Archive: Holger Noltze
…ist Musikjournalist und war bis 2023 Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund, wo er den Studiengang Musikjournalismus leitete. Er ist im WDR und Deutschlandfunk zu hören und schreibt u. a. für Opernwelt und die FAZ. 2020 erschien sein Buch ›World Wide Wunderkammer. Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution.‹
Mittwochabend am Gral
Alles sollte es sein, bloß keine »Oper«. Und so gab Wagner seinem opus ultimum den krudesten aller Genretitel: Bühnen-weih-fest-spiel. Was das nun soll? – ›Das sagt sich nicht‹, ließe sich Ritter Gurnemanz zitieren, als der reine Tor Parsifal, noch nicht durch Mitleid wissend geworden, fragt, worum es sich bei diesem Gral denn wohl handelt. Irgendwie […]
Nicht schreien!
Am Sonntagmorgen hatte ich im Deutschlandfunk ›Die neue Platte‹ gehört, und die neue Platte war Raphaël Pichons Aufnahme der Johannes-Passion, »pünktlich zum Osterfest«: Der geschätzte Rezensent war sehr angetan, und über Pichons elastisch detailfreudiges und dabei unmittelbar berührendes Musikmachen mit dem sensationellen Chor und Ensemble Pygmalion hatte ich mich auch hier schon gefreut. Am Sonntag […]
Wellness im Neokortex
Gerade ziehen sich die Weltuntergangswolken wieder finster zusammen, es fehlen einem ja bald die Worte, und ab jetzt schaut höchstens noch der Geist von Habermas aus leerem Himmel auf all den irdischen Unsinn, mutmaßlich kopfschüttelnd. Da kommt eine gute Nachricht in der F.A.Z. gerade recht. »Neuste Erkenntnisse belegen: Wir können den gesundheitsfördernden Wert von Schönheit […]
Edmond Dédé, remembered [Bookletology #4]
Reiner Zufall, dass Morgiane, ou, Le Sultan d’Ispahan eine etwas konventionelle Heiratsverwicklungsgeschichte eben da spielt, wo gerade (neben anderen Orten) US-amerikanische Marschflugkörper ein marodes Regime zusammenbomben sollen. Die Story kann in Isfahan spielen, aber auch anderswo, und sie war, als Edmond Dédé den Schlusspunkt unter 545 Notenblätter setzte, 1887 in Bordeaux, ein abendfüllendes, ambitioniertes Exemplar […]
Gemein frei!
Wer Ottaviano Petrucci (1486–1539) war, ist nicht eben weithin bekannt, und wäre es noch weniger, hätte der venezianische Erfinder des Notendrucks mit beweglichen Typen nicht der Petrucci Music Library den Namen gegeben. Das ergibt insofern Sinn, als es das Harmonice Musices Odhecaton war, eine Anthologie polyphoner weltlicher Lieder, die als erstes Musikwerk im Notendruck publiziert […]
Das Große Kasperle
Guignol heißt das französische Kasperle, das Théâtre du Grand Guignol war ein populärer Schuppen für Grusel- und Horror der unterhaltsamen Art, betrieben von 1897 bis 1962 an der Pariser Pigalle. Da gabs immer lustig auf die Zwölf, keine falsche Sentimentalität. Nach diesem Wochenende steht zu erwarten, dass sie den Laden bald wieder öffnen können, oder […]
Orff im Museum
Das Beste kommt zum Schluss. Ein orangefarbenes Wählscheibentelefon steht da, und wer dran geht, hat Michael Jackson am Apparat, der freundlich anfragt, ob er die Monumentalinitiale O Fortuna am Anfang der Carmina Burana als Intro für seine Welttournee 1992 benutzen dürfe. Der Meister war da schon zehn Jahre tot, und seiner Witwe Lilo sagte der […]
Irgendwie prä-postdramatisch
Das Klügste zum Thema hat der Regisseur Jens-Daniel Herzog schon gesagt. »Es gibt kein Theater ohne Regie.« Punkt. Es gibt aber auch, wer wollte es bestreiten, eine gelegentliche Sehnsucht danach, die immer wieder gespielten Repertoirestücke – immer wieder anders gezeigt, weil alles immer wie neu aussehen muss – einmal nicht originell, sondern irgendwie »original« zu […]
Wir haben verstanden. Echt jetzt!
In Amsterdam sah ich das gewaltigste Bühnenfeuer meines schon länger zuschauenden Lebens, am Ende von Dmitri Tcherniakovs ziemlich pessimistischer Sicht auf Tschaikowskys Die Jungfrau von Orléans, nach Schiller. Das Stück ist nicht oft zu sehen, es ist eine verspätete Grand Opéra à la russe, der hohe Ton (junge Frau findet ihre Bestimmung im Engagement für […]
