Knisterndes Bonbonpapiergeräusch im schönsten Mahler-Pianissimo, Husten in die heilige Bruckner-Symphonie-Generalpause hinein, mitfilmende iPhone-Ignoranten beim Einsatz der berühmten Solistin in Tschaikowskys Violinkonzert: Viele Dinge der »Klassik-Szene« nerven. Aber wie schaut es eigentlich mit klassikimmanenten Phänomenen aus, mit Floskeln, die sich häufig interesselos wie von selber abspulen? Ein Ranking der zehn ausgelutschtesten Stilmittel
Platz 10: Die Quintfall-Sequenz
Eine Quintfall-Sequenz – genauer: Quintfall-Quartanstiegs-Sequenz – ist eigentlich etwas sehr Schönes! Von der Dominante einer Tonart geht es in die Tonika der gleichen Tonart – und von dort aus zu einer anderen Dominante und von dort wiederum zur ihr »zugewiesenen« Tonika (und so weiter), Spannung-Entspannung – und nochmal: Spannung-Entspannung (nur auf einer anderen Stufe). In der Jazz-Harmonik vermeidet man solche »5-1-Wendungen« eher, geht im Bass gerne engschrittig (chromatisch) vor, nimmt den Weg des geringsten Widerstands, den kürzesten Weg zur nächsten Harmonie. Und gerade deshalb – und weil sich Jazz manchmal so wundervoll nostalgisch in die Musikgeschichte zurücksingt – finden wir in vielen der bekanntesten Jazz-Standards eben doch (!) Quintfall-Quartanstiegs-Sequenzen, beispielsweise in Jerome Kerns All The Things You Are – die Quintfall-Quartanstiegs-Sequenz ist hier ab Minute 0.18 zu hören – aus dem Jahr 1939.

