Dass im »sozialistischen Staat deutscher Nation« – neben dem Ampelmännchen – auch anderes »nicht schlecht« war, ist mittlerweile eine gut dokumentierte Erkenntnis. Beispielsweise besaß die DDR zum Zeitpunkt ihres Abgangs mit 76 professionellen »Kulturorchestern« eine höhere Orchesterdichte als jedes anderes Land der Welt. Wie die Soziologin Jutta Allmendinger in ihrer 1993 erschienen Studie Staatskultur und Marktkultur aufzeigt, teilten sich in der BRD mehr als dreimal so viele Einwohner (690.000) ein Orchester wie in der DDR (220.000), und der Einzugsbereich eines West-Orchesters war doppelt so groß (2.800 Quadratkilometer). Die Frage nach Erhalt oder Abwicklung dieser blühenden Landschaft stellte sich nach der Einheit insbesondere in Berlin, und insbesondere für die Rundfunkensembles: Allein der Rundfunk der DDR besaß dort mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester, dem Großen Rundfunkorchester, dem Rundfunkchor, der Big Band und dem Tanz-Streichorchester fünf Klangkörper. Dazu kamen in Westberlin der RIAS Kammerchor, das RIAS Tanzorchester und das Radio-Symphonie-Orchester. Mit der Auflösung des RIAS in West- und der Abwicklung des DDR-Rundfunks in Ost-Berlin stand Anfang der 1990er Jahre im Zuge der Neuordnung des Rundfunks auch die Zukunft dieser Klangkörper zur Disposition. In ihrem gerade erschienenen Buch Harmonielehre zeichnen die Historiker Constantin Goschler und Stefan Pulte nach, wie dieser Prozess unter den bedrohten Orchestern und in der Berliner Kulturpolitik – entlang der damaligen kulturellen und politischen Gräben – zu allerlei Intrigen, Kampagnen, Hauen und Stechen führte. Der Kompromiss, den man letztlich für die Orchester fand, galt lange als Notlösung: Am 14. Juni 1993 wurden fünf Ensembles, das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin (DSO), das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB), der Rundfunkchor Berlin, der RIAS Kammerchor sowie das RIAS Tanzorchester, unter die Trägergesellschaft RSO GmbH subsumiert, im Dezember 1994 folgte die Umbenennung in »Rundfunk-Orchester und -Chöre gGmbh Berlin (ROC)«, die bis heute Bestand hat. (Das RIAS-Tanzorchester, später umbenannt in RIAS Big Band, wurde 2001 ausgegliedert.) Gesellschafter wurden das Deutschlandradio (40 Prozent), die Bundesrepublik Deutschland (35 Prozent), das Land Berlin (20 Prozent) und der Rundfunk Berlin-Brandenburg (5 Prozent). Interessenkonflikte zwischen den vier Gesellschaftern, ungeklärte strategische Zielsetzungen, rechtliche Unklarheiten und Diskussionen um die Finanzierung und Leitung der ROC führten in den ersten 15 Jahren des Bestehens zu kontinuierlichen Krisen. Höhe- und Endpunkt war 2009 eine von Deutschlandradio-Intendant Willi Steul losgetretene Diskussion um eine Fusion von RSB und DSO.
Seitdem avancierte die improvisierte »Notlösung« ROC immer mehr zu einer Ost-West-Erfolgsgeschiche – und aktuell, in der Diskussion um eine Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, sogar zum Benchmark: Der damalige ARD-Intendant Tom Buhrow hatte 2022 in seiner Rede im Hamburger Übersee-Club infrage gestellt, ob man sich wirklich 16 Rundfunkensembles leisten wolle, und namentlich die ROC als »kluges« Alternativmodell für die Finanzierung der Klangkörper ins Spiel gebracht. Daran anschließend wird in Hessen derzeit eine gemeinsame Finanzierung des hr-Sinfonieorchesters durch Rundfunk und Land diskutiert. Das Konstrukt, den Unterhalt auf mehrere Schultern zu verteilen, kann breitere Absicherung gewährleisten. Wenn sich aber – wie aktuell beim ROC – alle Gesellschafter mit jeweils eigenen Finanzierungs- und Legitimationssorgen herumschlagen, erzeugt es bisweilen auch »gewisse Friktionen«, wie Anselm Rose es nennt, der seit 2018 Geschäftsführer der ROC ist. Mit ihm spreche ich in seinem Büro am Berliner Gendarmenmarkt.
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