Eins zwei drei, eins zwei drei. Nein, kein Walzertakt, sondern die innere Stimme am Morgen nach der österreichischen Nationalratswahl, bei der fast ein Drittel der stimmabgebenden Bevölkerung die rechtsradikale FPÖ und ihren Wannabe-Volks- und Festungskanzler Kickl gewählt hat. In Wien aber doch nicht! Man sucht Zeichen im Gesicht der lieben Wiener im Kaffeehaus oder bei Bipa, eins zwei – drei, Du auch? – Tatsächlich bleibt Wien ziemlich rot, mit sogar leichten Gewinnen, blau aber gewinnt, was die Grünen verloren haben, Hochwasser und Öko-Ängste hin und her.
Der Herbst war mit herber Plötzlichkeit in den schönen Spätsommer eingebrochen, und dann kam das Wasser, aus dem Wienflüsschen wurde ein reißender Strom. Fast gespenstisch schnell hat sich die Wien in das kümmerliche Rinnsal zurückverwandelt, alles wieder normal. Auch die Musik ist wieder auf Betriebstemperatur. Anna Prohaska mit dem Phantasm Gambenconsort im Brahms-Saal des Musikvereins, ein strenges Programm mit elisabethanischen Songs von Tallis bis Dowland und überwiegend Byrd. Prohaskas schön todesengelhafter Look passt zur schwarzen Melancholie, zum Liebesschmerz zwischen rhetorischer Formkunst und herzblutendem Espressivo, das die Prohaska hier fein balanciert, tanzend über dem ja sowieso herbstlich-schwermütigen Gambenfundament: For all the teares mine eyes have ever wept / Were now too little had they all beene kept.
Die Düsternisse von Verdis, des großen Pessimisten, pessimistischster Oper Don Carlo leuchtet Kirill Serebrennikov in der ersten Staatsopernpremiere der Saison dann eher neonhell aus. Weil er einen Habsburger Kostümschinken unbedingt vermeiden wollte, versteigt er sich in die an sich verrückt kühne Idee, das komplexe Spiel um Liebe und Politik in einem Museum für historische Kostüme spielen zu lassen, die Angestellten treten irgendwie, aber dann doch nicht plausibel in die Rollen von Carlo und seinem gebrochenen Technokratenvater Philipp, der geliebten Elisabeth, des grausamen Großinquisitors. Die kostbarst rekonstruierten Altkleider sind wunderschön, aber spannend wird es erst, als Asmik Grigorian, wie sie das halt kann, die Sache der gefühlzerrissenen, traurigen Elisabeth zu ihrer eigenen macht; dahinter verblasst das ganze mehr gewollte als gekonnte Konzept. Dass auch noch Öko-Aktivisten für eine freche Protestnote sorgen sollen, geht so gar nicht auf. Oder doch, denn zum Triggern des Wiener Staatsopernpremierenpublikums reichte es allemal. Als die hereintrompeteten Buhs vom Balkon gar nicht enden wollten, griff Philippe Jordan zu seinem Taschentuch, wickelte es um den Dirigentenstab und schwenkte aus dem Graben die weiße Fahne. Danach war Ruhe, jedenfalls bis zum Vorhang. Schöne Geste, aber was wollte sie eigentlich sagen? Wir ergeben uns? Aber wer, wem, wovor?
Das renovierte Theater an der Wien ist noch nicht betriebsbereit, szenisch soll es erst im Januar losgehen, doch in der intimen Kammeroper am Fleischmarkt geht schon was, nämlich ein Monteverdi-Pasticcio um Il combattimento di Tancredi e Clorinda, bei dem das interkulturelle Liebespaar sich zur Unkenntlichkeit gerüstet auf dem Schlachtfeld begegnet. Der Regisseur Olivier Fredj und der Lautenist und Bandleader David Bergmüller haben den Abend zum Plural Combattimenti geweitet, mit Monteverdi-Material wie dem Lamento d’Arianna, und dem Lamento della Ninfa interpoliert. Das geht musikalisch sehr auf, mit einem glasklar intonierenden Sextett und einer die Madrigalistik ergänzenden, gut dosierten Elektronik. Doch der Sprung vom Krieg der Herzen, so gnadenlos er geraten kann, zu dem, was uns gerade weltpolitisch erschüttert, geht ins Leere. Ehrenwert das Bemühen, aus der Verdi- oder Monteverdi-Bubble heraus die realen Katastrophen da draußen mitsehen zu wollen. Doch ein paar Letzte-Generation-Statisten mit Protest-T-Shirts und etwas MP-Gefuchtel auf der Bühne wirken vor den Nachrichten dieser Tage bloß banal. ¶


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