Zu den weißesten Orten unseres Kulturlebens gehören immer noch die Konzertsäle – trotz einiger asiatischer Menschen in Orchestern und Publikum. Schwarze Besucher sieht man kaum mal, in Deutschland wohl noch seltener als in Belgien, den USA oder Großbritannien, aber auch dort wenig. Das zu ändern hat sich im Jahr 2015 Chi-Chi Nwanoku aufgemacht, nigerianischstämmige Britin, […]
Autoren-Archive: Albrecht Selge
… lebt in Berlin, liebt Musik, schreibt Romane: u.a. ›Beethovn‹ (2020). Zuletzt erschien ›Silence‹.
Gralsritter der Kokosnuss
An den Moment der Gralsenthüllung darf man hier, in der Stadt des weltberühmten Genter Altars, der ursprünglich nur dreimal im Jahr zu den höchsten christlichen Festen geöffnet wurde (eine überwältigende Wirkung muss das gewesen sein), wohl die allerhöchsten Erwartungen haben. Doch im Genter Opernhaus – das mit dem dortigen Musikfestival nichts zu tun hat – […]
Als der Haderlump noch ritterlich war
Nicht gerade einfacher geworden, über Falstaff zu lachen in einer Zeit, in der ein moralloser Molch nicht in der Themse und im Spott landet, sondern beispielsweise Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wird. Andererseits könnte einen dieser Falstaff natürlich auch anderer, vielleicht bloß vorgestellter Zeiten gemahnen, als Halunkerei und Ritterlichkeit einander nicht ausschlossen: einschließlich der […]
Eucharistie auf LSD
Die heißeste finnisch-holländische Verbindung seit Jari Litmanen bei Ajax Amsterdam sind Klaus Mäkelä und das Concertgebouworkest. Wenn der designierte Chefdirigent mit seinem künftigen Orchester auftritt (offizieller Leiter wird er erst 2027), dann wird Energie aus jeder Klangpore spürbar. Schön ist es, wenn Mäkelä jetzt bei seinem Auftritt in der Berliner Philharmonie das Orchester mal nicht […]
Nornen im Kinderzimmer
Ein ausgesprochen vernünftiger, dennoch häufig missachteter Gedanke ist es, den Matthias Davids, Regisseur der diesjährigen Bayreuth-Premiere, im Münchner Merkur-Interviewformulierte: »Man sollte als Regisseur ehrlich zu sich und dem Publikum sein, denn wirklich clever ist man nur, wenn man die clevere Idee auch wieder verwirft, wenn sie nicht trägt.« Davids’ redlich poppige, nicht unsympathische, etwas harmlose […]
Wenn Beckmesser der Nationalkuh den Stecker zieht
Nanu, was ist denn das für eine List oder ein Scherz des Wahns? Dass ausgerechnet jetzt, da erstmals ein Kanzler Merz die Bayreuth-Eröffnung beehrt, ein Hans Sachs auf der Bühne zu erleben ist, der wie ein spannenlanger Hagestolz wirkt? Und dass vor den Augen eines Kulturstaatsministers Weimer eine Inszenierung stattfindet, die überreich scheint an gedanklicher […]
Großgoldformat und mystisches Phlegma
Passt irgendwie zu diesem geduldigen Komponisten, dass einer der Höhepunkte seines Jubiläums sich erst im neunzehnten Monat des Gedenkjahrs ereignet. Denn die Musik des 1924 gestorbenen Gabriel Fauré eilt und drängelt niemals, sie pressiert nicht, rechtet nicht – sie fließt einfach konzentriert dahin. Eine liebenswerte Qualität, die ihren Urheber zugegeben nicht gerade zum Musiktheater prädestinierte. […]
Ausgeabert!
Nicht nur der Lärm selbst ist eine der schwersten Alltagslasten, sondern auch und mehr noch extrem ruhebedürftige Menschen; der Autor dieser Zeilen (wie Kritiker in Deutschland statt »ich« sagen) spricht aus Erfahrung. Daneben gibt es aber bekanntlich auch Menschen, für die zu den größten Krachplagen überhaupt zählt: Oper, zumal solche von Strauss. Diese Plage ist […]
Meine Tochter nümmermehr
Festivalzeit ist Antifestivalzeit. Manch einer begeht sein privates Antifestival, indem er einfach nicht zum Raven ins vorpommerische Ferdinandshof oder zum Abwagnern nach Bayreuth juckelt. Andere gehen ihr Anti dagegen frontaler an: Seit 2019 stänkerte das »anarchische, inklusive Musik- und Theater-Festival« BERLIN is not schon mehrfach gegen die Bayreuther Festspiele, in diesem Jahr ist Salzburg dran, […]
Rudelbildung und Ratlosigkeit
Es gibt viele Arten, den Meeresboden des Repertoires aufzuwühlen. Zwei sehr gegensätzliche waren am vergangenen Wochenende zu erleben: Einerseits beim Orchester Stegreif, indem von Klassikern der Klassik ausgehend wild-frei drauflos gespielt wird. Andererseits mit Christian Thielemann, der ein paar Lieblingswerke hat, die einen berühmten Komponistennamen tragen, die aber nie eine Sau spielt – außer eben […]
