Ein Konzert, in dem Musik von György Kurtág und Maurice Ravel vorkommt und dazu noch Tschaikowskys Blumenwalzer, kann man gar nicht nicht mögen. Zumal, wenn alles in loser Motivik mehrfachverknüpft ist: einerseits Musik über Blumen und Blüten, andererseits jede Menge Walzer. Und wenn der Pianist ein so sorgsamer, zugleich freiköpfiger Typ wie Kirill Gerstein ist. […]
Autoren-Archive: Albrecht Selge
… lebt in Berlin, liebt Musik, schreibt Romane: u.a. ›Beethovn‹ (2020). Zuletzt erschien ›Silence‹.
Schürzenjagd im Zwischenreich der Seele
Stringenz ist in Regiearbeiten von Kirill Serebrennikov nicht zu erwarten, dafür die Plausibilität des intensiven Moments, im besten Fall eindringlicher halber Stunden. Das gilt nicht nur für seine Inszenierungsserie der Mozart/Da-Ponte-Opern, die jetzt an der Komischen Oper Berlin mit Don Giovanni ihren Abschluss findet; so war es auch in Serebrennikovs Wiener Parsifal. Dessen erzählerischer Bogen […]
Energetische Raritätensanierung
Alles zankt über die neue Gestaltung des Gendarmenmarkts in Berlin-Mitte (»Wo sind die Bäume?!«). Aber strikt musikalisch gesehen ist hier entgegen alter Weisheit entscheidend nicht auf dem Platz und auch nicht unter dem Platz (»Unterirdische Wasserstruktur beachten!«), sondern in der Kabine. Und die Kabine ist nun mal das ehrwürdige Konzerthaus, wo am vergangenen Wochenende zwei […]
Gusto aufs totale Liebestod-Weekend
Eine Reise ins schöne Lübeck lohnt musikalisch nicht nur wegen der bemerkenswerten Tristan und Isolde-Aufführungen, die dort seit der Premiere im Februar zu sehen sind. Jeweils am Vorabend von Richard Wagners großem Liebestoddrama läuft dort überdies, seit März, auch Frank Martins Tristan-et-Isôt-Version Der Zaubertrank (Le vin herbé). Nannte Wagner sein Werk schlicht »Handlung«, so bezeichnete […]
Zeitreisen mit Rosen und Monden
Eigentlich (das heißt, wenn alles nach Plan liefe) könnte man sich beim DSO gerade ein bisschen wie auf Zeitreise ins paradiesische 19. Jahrhundert fühlen: jede Woche ein brandneues Klavierkonzert – welches darunter »von Dauer« sein wird, das weiß der Kuckuck, aber darum geht es nicht, sondern um das Existieren im Elixier. Aber weil fast nie […]
Nicht con brio leiern!
Der Pianist sitzt nicht seitlich, sondern mit dem Rücken zum Publikum – und somit absolut offen ins gemeinsame Musizieren mit dem Orchester. Es gibt ja viele Arten, Beethovens ziemlich bekannte Klavierkonzerte zu »verlebendigen«. Neben pochenden Hammerklavieren und warmkratzenden Darmsaiten oder Spieltechniken und Phrasierung kann auch eine solche historische Bühnenaufstellung dazugehören, bei der dann der Pianist […]
Mit Strauss zurück in die Zukunft
Unter allen großen Opernkomponisten ist Richard Strauss derjenige, der in der Spätblüte seines Schaffens doch die erstaunlichsten Ladenhüter fabriziert hat – über sage und schreibe zwei Jahrzehnte. Uns alle schaudert es bei Turandot, aber wen gänsehäutet es wohl bei Daphne? Falstaff beseligt uns, aber wen entzückt Capriccio? Parsifal fordert uns heraus, aber wen macht Die […]
Liebe den Leidenden
Schnurz, ob nun la musica oder le parole zuerst: Sprache spielt in jeder Oper eine wichtige Rolle, sonst wär’s ja Ballett, Sinfonische Dichtung oder sonst ein schlingliges Schlampampel. Aber es gibt Werke, bei denen die Sprache eine besonders herausragende Angelegenheit ist, ohne dass sie doch irgendwie »über« der Musik stünde. In Leoš Janáčeks Opern schmiegt […]
Die Hussiten siegen beim Eishockey
Schnuppe, ob nun le parole oder la musica zuerst: Sprache spielt in jeder Oper eine wichtige Rolle, sonst wär’s ja Ballett, Sinfonische Dichtung oder irgendein schlanglanges Schlimpimpel. Aber es gibt Werke, bei denen die Sprache eine besonders herausragende Angelegenheit ist, ohne dabei doch irgendwie »über« der Musik zu stehen. In Kaija Saariahos Gegenwartsoper Innocence (aktuell […]
Erwartbar Wundervolles zuerst
Repertoire für Orchesterreisen ist immer so eine Frage. Französische Programme für französische Orchester oder finnisches für finnische: meist eine sichere Sache. Andererseits, eine der furchtbarsten Tschaikowsky-Aufführungen meines Lebens habe ich mal von einem russischen Orchester gehört. Und es kann auch gerade reizvoll sein, in Deutschland mal Brahms zum Beispiel von einem italienischen Orchester zu hören. […]
