Es gibt viele Arten, den Meeresboden des Repertoires aufzuwühlen. Zwei sehr gegensätzliche waren am vergangenen Wochenende zu erleben: Einerseits beim Orchester Stegreif, indem von Klassikern der Klassik ausgehend wild-frei drauflos gespielt wird. Andererseits mit Christian Thielemann, der ein paar Lieblingswerke hat, die einen berühmten Komponistennamen tragen, die aber nie eine Sau spielt – außer eben […]
Autoren-Archive: Albrecht Selge
… lebt in Berlin, liebt Musik, schreibt Romane: u.a. ›Beethovn‹ (2020). Zuletzt erschien ›Silence‹.
Ototoĩ pópoi dã, du synekdochische Wimper!
Welche Art Musik braucht es für einen Raum mit über 1.300 Plätzen, ja gar fast 1.900 Plätzen? Zwei Versuche sind zu erleben, zu besichtigen, zu behörigen dieser Tage in Berlin: einmal vom belgischen Komponisten Bernard Foccroulle an der Berliner Lindenoper, einmal von der britisch-deutschen Komponistin Rebecca Saunders an der Deutschen Oper in Charlottenburg. Beide auf […]
Wenn ich nicht hier bin, bin ich auf’m Monddeck
Manchmal gibt es in der Welt der Oper (Wieder-)Begegnungen mit Inszenierungen, die alle leidigen Diskussionen über Regie-, Nichtregie- oder Regisseurstheater, über Werktreue oder Werkattentate vollkommen nichtig erscheinen lassen. So geht es mir mit Arbeiten von Ruth Berghaus, die bald dreißig Jahre tot ist. Im vergangenen Jahr verzauberte ihre Einrichtung von Rossinis Barbier von Sevilla von […]
Der ungreifbare Begreifliche
Kurz vor Mitternacht verdunkelt sich das Leo-Schwarz-Foyer des Leipziger Gewandhauses, so dass auf der Wand nur mehr die Schatten der Köpfe des wartenden Publikums zu sehen sind, in dessen Rücken noch ein wenig Licht durchs Fenster hereinfällt. Dann tritt Schatten zu Schatten, der Schauspieler Markus Falk verkörpert den entgeisterten Komponisten Dmitri Schostakowitsch. Als er angstvoll […]
Seelenartikulation, die Seelen zerreißt
Es gibt solche Pianisten, die man immer wieder hören will, und solche, die man immer öfter hören sollte. Für die erste Kategorie hat man in der Hauptstadt vor allem die Klavierabende der Stiftung Berliner Philharmoniker oder auch der alteingesessenen Konzertdirektion Adler. Für die zweite Kategorie existiert seit 2012 das privat organisierte Berliner Klavierfestival, ein zuverlässiges […]
Kopfwesen in Feinripp
Im wunderschönen Monat Mai, wenn alle Knospen springen, blickt der geneigte Konzertgänger in die allseits erscheinenden neuen Saisonvorschauen, mancher so sehr, dass er darüber fast die laufende Gegenwart vergessen kann. Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB), das unter allen Klangkörpern der Stadt wohl den intellektuellsten und reflektiertesten Dirigierkopf besitzt (nämlich Vladimir Jurowski), wird in der kommenden Spielzeit […]
Demolieren und Blühen
Ein Konzert, in dem Musik von György Kurtág und Maurice Ravel vorkommt und dazu noch Tschaikowskys Blumenwalzer, kann man gar nicht nicht mögen. Zumal, wenn alles in loser Motivik mehrfachverknüpft ist: einerseits Musik über Blumen und Blüten, andererseits jede Menge Walzer. Und wenn der Pianist ein so sorgsamer, zugleich freiköpfiger Typ wie Kirill Gerstein ist. […]
Schürzenjagd im Zwischenreich der Seele
Stringenz ist in Regiearbeiten von Kirill Serebrennikov nicht zu erwarten, dafür die Plausibilität des intensiven Moments, im besten Fall eindringlicher halber Stunden. Das gilt nicht nur für seine Inszenierungsserie der Mozart/Da-Ponte-Opern, die jetzt an der Komischen Oper Berlin mit Don Giovanni ihren Abschluss findet; so war es auch in Serebrennikovs Wiener Parsifal. Dessen erzählerischer Bogen […]
Energetische Raritätensanierung
Alles zankt über die neue Gestaltung des Gendarmenmarkts in Berlin-Mitte (»Wo sind die Bäume?!«). Aber strikt musikalisch gesehen ist hier entgegen alter Weisheit entscheidend nicht auf dem Platz und auch nicht unter dem Platz (»Unterirdische Wasserstruktur beachten!«), sondern in der Kabine. Und die Kabine ist nun mal das ehrwürdige Konzerthaus, wo am vergangenen Wochenende zwei […]
Gusto aufs totale Liebestod-Weekend
Eine Reise ins schöne Lübeck lohnt musikalisch nicht nur wegen der bemerkenswerten Tristan und Isolde-Aufführungen, die dort seit der Premiere im Februar zu sehen sind. Jeweils am Vorabend von Richard Wagners großem Liebestoddrama läuft dort überdies, seit März, auch Frank Martins Tristan-et-Isôt-Version Der Zaubertrank (Le vin herbé). Nannte Wagner sein Werk schlicht »Handlung«, so bezeichnete […]
