Es gibt viele Arten, den Meeresboden des Repertoires aufzuwühlen. Zwei sehr gegensätzliche waren am vergangenen Wochenende zu erleben: Einerseits beim Orchester Stegreif, indem von Klassikern der Klassik ausgehend wild-frei drauflos gespielt wird. Andererseits mit Christian Thielemann, der ein paar Lieblingswerke hat, die einen berühmten Komponistennamen tragen, die aber nie eine Sau spielt – außer eben Thielemann. Und der ist natürlich keine Sau, allerhöchstens ein klein bisschen Rampensau wie viele Dirigenten, aber vor allem doch jemand, der sehr bewusst musikalisch tut, was er tut, auch wenn’s einen manchmal befremden kann.
Befremden kann einen zunächst auch die Attitüde der Stegreifs, die sich selbst als »improvisierendes Sinfonieorchester« bezeichnen und heuer ihr zehnjähriges Jubiläum feiern, unter anderem mit Konzerten im Kühlhaus Berlin. Das liegt direkt am Kreuzberger Gleisdreieck und ist so eine typische Hauptstadt-Mischung aus szeniger Coolness (nacktes Industriedenkmal) und deutscher Wurstigkeit (»nur Barzahlung«, dieses »Draußen nur Kännchen« des 21. Jahrhunderts). Das Stegreif-Programm freesolo macht es hier drin nun keine Nummer kleiner als »Redefinition« und »denkt das klassische Solokonzert radikal neu«. Die große Frage »Was entsteht, wenn das Solo nicht im Mittelpunkt steht, sondern Teil eines größeren Ganzen wird?« habe doch spätestens bereits Brahms »verhandelt«, könnte man einwenden. Aber das Musizieren der Stegreifs ist dann doch so frisch und letztlich unprätentiös, dass man sich auf derlei Definitions-Scharmützel nicht einlassen mag und es bei dem Hinweis belassen kann, dass diese Musiker solche Großsprecherei eigentlich gar nicht nötig haben.

