Während die Wiener Philharmoniker mit dem Bruckner-Sensei ティーレマン • クリスティアン (transkr. Thielemann Christian) im schönen Japan gastieren, ist die glänzende Wiener Musikvereinsbude für erlesene nachbarschaftliche Gastspiele frei: Erst kommen die Leipziger, dann die Budapester. Und beide Orchester bringen einige erlesene Seltenheitskost mit in diesen Saal, der da gar herrlich gesäumet ist von 36 güldenen Karyatiden […]
Autoren-Archive: Albrecht Selge
… lebt in Berlin, liebt Musik, schreibt Romane: u.a. ›Beethovn‹ (2020). Zuletzt erschien ›Silence‹.
Strauß oder Strauss, Hauptsache Johann
Dieser Johann Strauß ist anscheinend eine Verlegenheit, aber nicht, wie man erwarten könnte, außerhalb von Österreich, sondern innerhalb, ja selbst in Wien. Zumindest, wenn man österreichischen Kritikerstimmen folgt, die die justament am 200. Geburtstag, also dem 25. Oktober, premierte Neuinszenierung von Eine Nacht in Venedig einhellig verrissen und zerbissen: »Mummenschanz ohne Stimmenglanz« (Der Standard), im […]
Grausames Leben, knallbuntes Leben
»Das Leben ist so grausam wie das Sterben« ist ein eher ungewöhnlicher Vers in einem Musikstück für Kinder ab neun Jahren. Aber Detlev Glanerts Die drei Rätsel sind eben bezeichnungsgenau genommen »Oper für Kinder und Erwachsene«. Und man könnte erstens ergänzen: auch eine Oper für den Erwachsenen im Kind und für das Kind im Erwachsenen, […]
Ansteckende Heimatgefühle
Allseitiges Heimkehr-Empfinden, wenn Sir Simon Rattle die Berliner Philharmonie besucht. Vor allem, wenn er eines »seiner« Werke mitbringt, wie John Adams’ Harmonielehre. Dieses Mitte der 1980er entstandene Eklekto-Amalgam aus sogenanntem Minimalismus, sogenannter Spätromantik und sogenanntem Impressionismus (diese Etiketten sind ja ein Quark) ist ein Konzertsaal-Ereignis ersten Ranges – wenn es dem Publikum in Deutschland denn […]
Schmerzschmelzend
Aber diese Posaunen. Kein Programmheft-Text (selbst nicht die besten, die in Berlin regelmäßig der RSB-Dramaturg Steffen Georgi schreibt) kommt zu Brahms’ zweiter Sinfonie ohne den Hinweis auf deren Wörthersonnigkeit und D-Dur-Bläue aus; natürlich, um dann sogleich ordnungsgemäß Zweifel anzumelden und allerlei Gräue in die Bläue zu mischen. Eben genau, wie es die Pauken und diese […]
Hope in the Night
Zu den weißesten Orten unseres Kulturlebens gehören immer noch die Konzertsäle – trotz einiger asiatischer Menschen in Orchestern und Publikum. Schwarze Besucher sieht man kaum mal, in Deutschland wohl noch seltener als in Belgien, den USA oder Großbritannien, aber auch dort wenig. Das zu ändern hat sich im Jahr 2015 Chi-Chi Nwanoku aufgemacht, nigerianischstämmige Britin, […]
Gralsritter der Kokosnuss
An den Moment der Gralsenthüllung darf man hier, in der Stadt des weltberühmten Genter Altars, der ursprünglich nur dreimal im Jahr zu den höchsten christlichen Festen geöffnet wurde (eine überwältigende Wirkung muss das gewesen sein), wohl die allerhöchsten Erwartungen haben. Doch im Genter Opernhaus – das mit dem dortigen Musikfestival nichts zu tun hat – […]
Als der Haderlump noch ritterlich war
Nicht gerade einfacher geworden, über Falstaff zu lachen in einer Zeit, in der ein moralloser Molch nicht in der Themse und im Spott landet, sondern beispielsweise Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wird. Andererseits könnte einen dieser Falstaff natürlich auch anderer, vielleicht bloß vorgestellter Zeiten gemahnen, als Halunkerei und Ritterlichkeit einander nicht ausschlossen: einschließlich der […]
Eucharistie auf LSD
Die heißeste finnisch-holländische Verbindung seit Jari Litmanen bei Ajax Amsterdam sind Klaus Mäkelä und das Concertgebouworkest. Wenn der designierte Chefdirigent mit seinem künftigen Orchester auftritt (offizieller Leiter wird er erst 2027), dann wird Energie aus jeder Klangpore spürbar. Schön ist es, wenn Mäkelä jetzt bei seinem Auftritt in der Berliner Philharmonie das Orchester mal nicht […]
Nornen im Kinderzimmer
Ein ausgesprochen vernünftiger, dennoch häufig missachteter Gedanke ist es, den Matthias Davids, Regisseur der diesjährigen Bayreuth-Premiere, im Münchner Merkur-Interviewformulierte: »Man sollte als Regisseur ehrlich zu sich und dem Publikum sein, denn wirklich clever ist man nur, wenn man die clevere Idee auch wieder verwirft, wenn sie nicht trägt.« Davids’ redlich poppige, nicht unsympathische, etwas harmlose […]
