Kurz vor Mitternacht verdunkelt sich das Leo-Schwarz-Foyer des Leipziger Gewandhauses, so dass auf der Wand nur mehr die Schatten der Köpfe des wartenden Publikums zu sehen sind, in dessen Rücken noch ein wenig Licht durchs Fenster hereinfällt. Dann tritt Schatten zu Schatten, der Schauspieler Markus Falk verkörpert den entgeisterten Komponisten Dmitri Schostakowitsch. Als er angstvoll die verlassenen Straßen da draußen beschwört, ist der ganze enorme Trubel des liebenswerten Turnfestes vergessen, der Leipzig dieser Tage erfüllt, und für einen Moment können wir uns im nächtlichen Moskau des Jahres 1937 wähnen, von dem aus es durch die Zeiten geht. Charlotte Steppes umrahmt eindrucksvoll mit Klaviermusik (nicht nur D.S., sondern von Beethoven bis zum jungen Schönberg) Falks monologische Szenen. Die stützen sich – abgesehen von einigen nur gelegentlich etwas stochernden, aber nicht unsympathischen Aktualisierungen – ganz auf Julian Barnes’ Schostakowitsch-Roman The Noise of Time, bis hin zum schon ikonographischen Koffer auf dem Buchcover. Und diese mal präzisen, mal sarkastischen, mal irrlichternden Gedankengänge des auf seine Abholung wartenden, über seine Kunst und sein Leben flackernd reflektierenden Komponisten machen die ganze Nervosität und Todesangst physisch spürbar, die Paranoia und auch unbarmherzige Selbstzermürbung des sich selbst anklagenden »feigen Konformisten«. Ein Künstler(über)leben wie ein Himmelfahrtskommando, mehr descensus als ascensio an diesem feiertagsverlängerten Wochenende.
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