Festivalzeit ist Antifestivalzeit. Manch einer begeht sein privates Antifestival, indem er einfach nicht zum Raven ins vorpommerische Ferdinandshof oder zum Abwagnern nach Bayreuth juckelt. Andere gehen ihr Anti dagegen frontaler an: Seit 2019 stänkerte das »anarchische, inklusive Musik- und Theater-Festival« BERLIN is not schon mehrfach gegen die Bayreuther Festspiele, in diesem Jahr ist Salzburg dran, will heißen Mozarts Zauberflöte, also mehr noch: eine gewisse beschaulich-süßliche Art der Mozartpflege. Und das, ziemlicher Clou, auf dem Gelände der ehemaligen Stasi-Zentrale im Bezirk Lichtenberg.
Von einer engagierten Schüleraufführung, dramaturgisch erfreulich au point, bis zu einer Dragshow geht das über fünf fröhliche Stunden. Gewiss wäre aus der topographischen Begegnung der beiden Tugendtempel von Sarastro und Erich Mielke noch spritzigeres konzeptuelles Funkenwerk vorstellbar als die etwas seichte Bemerkung, beide seien Männerbünde. Dafür explodiert es, statt konzeptuell, eben performativ: Dass auf diesem nach wie vor bemerkenswert tristen Gelände zwischen riesigen Plattenblöcken, wo einst der schmächtige Minister für Staatssicherheit in Knallchargen-Uniform seine institutionalisierten Spießerbrigaden die eigene Bevölkerung bespitzeln, zersetzen und terrorisieren ließ, heutzutage beispielsweise drei knallbunt glitzernde Dragkings als Schlangenknaben zu Alphornklang »jodeln«, das ist im Grunde sowas wie Wirklichkeit gewordene Utopie – die befreite Verlachung des Schreckens, hinter die es kein Zurück mehr gibt. So sehr die Schlange der Reaktion gerade auch wieder zuckt. Das hat etwas Mutmachendes, Begeisterndes, auch altmodisch Tröstliches.

