Berlin hat ein Faible für tote Pferde. Gerade vollführt der neue CDU-Senat einen verkehrspolitischen Rollback, in dem unter der Chimärenparole des »fairen Miteinanders« die totale Dominanz des privaten Automobils betoniert wird: Weil die Stadt von tapsigen Grünen (Stichwort Friedrichstraße) genervt war, pfeift man auf die Erfahrungen und den Mut von Amsterdam und Kopenhagen, Paris und […]
Autoren-Archive: Albrecht Selge
… lebt in Berlin, liebt Musik, schreibt Romane: u.a. ›Beethovn‹ (2020). Zuletzt erschien ›Silence‹.
Zwielaunig
Keinen großen Ausknall setzt es zum Festivalende mit irgendeinem traditionsberstenden Global Philharmonic Orchestra, stattdessen ein paar kleinere, spezielle Programme. Die immer etwas aleatorische Gemischtwarenladigkeit macht ja Schwäche wie Reiz des Musikfests Berlin aus: Neben dem Aufdefilée vielerleier Brillanzorchester aus Amsterdam und London, aus München und Boston und Israel gab es auch ein mehrteiliges Rachmaninow-Spezial von […]
Aus Neu mach Alt
Nach zwei bajuwarischen Riesengaudis kehrt nun zweimal belgo-berlinische Strenge und Ernsthaftigkeit in die Philharmonie zurück. Denn Gaudis waren es ja, dieses tiefenbedürftige Auferstehungsspektakel Mahler Zwo und jener straussige Riesennietzschejux Alpensinfonie, die Anfang der Woche von Münchner Spitzenorchestern dargeboten wurden. (Dass in einem der Konzerte Alban Berg immerhin einen ins Innerliche wandernden Kontrast zur Alpensinfonie bot, […]
Alpen oder Auferstehung – Hauptsache Bumms
Beim Konzert des Bayerischen Staatsorchesters, das zur Münchner Staatsoper gehört wie die Berliner Staatskapelle zur Lindenoper, gibt es vor Strauss’ Alpensinfonie noch zwei weitere Werke. Außerdem einige Minuten festliches Vorgeplänkel, was gar nicht pejorativ gemeint ist. Denn wie unsere Kulturministerin Claudia Roth, die immer ein bissl wirkt, als hätte sie sich gerade eine Fanta zu […]
Entfaltend
Diese Euphorie möchte man keinesfalls knicken. Und das nicht etwa, weil »Berlins erste Chefdirigentin« Schutz bräuchte, sondern einfach, weil der Enthusiasmus von Orchester, Dirigentin und sich drängendem Publikum derart ansteckend ist. Selbst die Philharmonie, wo das Konzerthausorchester im Rahmen des Musikfests Berlin ein Gastspiel gibt, ist knallvoll. Das ist auch absolut berechtigt: nicht nur, weil […]
Riesenpferdig
Zu Beginn dieser Trojaner ist es wie bei der ersten Fernsehdebatte der republikanischen Präsidentschaftsbewerber Ende August in den USA: Die Hauptperson beherrscht den Raum durch Abwesenheit, quasi als unsichtbares Riesenpferd im Raum. Aber sogleich schäme ich mich für diese gänzlich unwürdige Assoziation! Erstens, weil Donald Trump ja in seiner ganzen monströsen Kleinlichkeit wesenhaft untertrojanisch ist. […]
Welt-Atmend
Das Mahler-Beiprogramm hat hier ein anderes Kaliber, und um es vorwegzunehmen, es ist maximal mehr als »Beiprogramm«. Simon Rattle und das London Symphony Orchestra setzten am Montag noch Mahlers Neunte ganz für sich. Iván Fischer und das Concertgebouworkest spielten vor der Siebten Lieder von Jörg Widmann: inhaltlich passend, ästhetisch in ihrer Neigung zum Anbiedern allzu […]
Fluchtreflexig
Es gibt einige Werke, bei denen ich am liebsten vor dem Schlusssatz fluchtartig den Konzertsaal verließe. Kennen Sie das? Welche sind es bei Ihnen? Bei mir unbedingt Gustav Mahlers 7. Sinfonie mit ihrem Ohren und Hirn betäubenden Final-Rondo. Diese Siebte sei, heißt es, die am wenigsten gespielte unter den Mahlersinfonien, die aber ja eigentlich alle […]
Crash im Assoziationsraum
Der im Premierenjahr 2022 schmählich versenkte Ring des Nibelungen könnte sich noch zum Publikumsliebling mausern. Diesen Eindruck kann man heuer zumindest am Anfang gewinnen, als er sich von Neuem aus der Tiefe erhebt. Einhelliger Jubel fürs eröffnende Rheingold, und auch gegen die vielgescholtene Regie von Valentin Schwarz sind erstmal keinerlei Unmutsbekundungen zu vernehmen, weder im […]
Was geht’s uns an?
Nicht Hojotoho, sondern »Augmented Reality« lautet der Schlachtruf, unter dem Jay Scheib bei den Bayreuther Festspielen antritt. Die Widerstände gegen den technisch aufgepimpten neuen Parsifal sind und waren groß, die Querelen hinter den Kulissen erheblich. Ein Grund, sich das Ganze entspannt und nach einem tiefen Durchatmen anzusehen. Und anzuhören. Denn da ist ja auch noch […]
