Am Ende wird’s dann doch zuerst potenziell kontrovers – und schließlich emotional bewegend im Neuköllner Heimathafen: Denn da kann der Sänger Isaiah Robinson offensichtlich kaum seine Tränen zurückhalten. Kurz davor ließ der Komponist Ted Hearne auf der Video-Ebene von over and over vorbei nicht vorbei dokumentarische Filmaufnahmen deutscher KZ-Gräuel (unter anderem aus Alain Resnais’ Nacht […]
Autoren-Archive: Albrecht Selge
… lebt in Berlin, liebt Musik, schreibt Romane: u.a. ›Beethovn‹ (2020). Zuletzt erschien ›Silence‹.
Nixe in Wohnküche
Ein Regie-Trend der letzten Jahre in der Oper sind Überschreibungen: Auf die Theaterhandlung der Musik wird eine parallele, in sich schlüssige Handlung gelegt. Dieses Vorgehen löscht die Gestalt des Werks keineswegs aus (die Essenz eines großen Werks ist immer vielseitig), sondern kann sie neu beleuchten und intensivieren. Wenn das gelingt, kann es von erregender musikdramatischer […]
Kammerfunkig
In Berlin kann der emsige Konzertgänger jede Woche sein eigenes Kammermusikfestival kuratieren. Er kann da zum Beispiel am Montag exquisites Trio hören, am Dienstag spannungsreiches Quartett, am Mittwoch fein nachdenkliches Duo. Dazu muss er nicht mal in den Kammermusiksaal der Philharmonie pilgern, der mit seinen 1.200 Plätzen so groß ist wie andernorts »Große Säle« und […]
Gold und Schwarz
Die einzige der schätzungsweise 298 Opern von Nikolai Rimski-Korsakow, die hierzulande fest zum Kanon gehört, ist die Scheherazade, und die ist bekanntlich gar keine Oper. Hingegen wird Rimski-Korsakows letzte Oper Der goldene Hahn von 1908 zwar dauernd irgendwo gegegeben (in den letzten Jahren u.a. in Coburg, Magdeburg, Düsseldorf, Weimar), aber so richtig Repertoire ist sie […]
Jeder singt für sich allein
Welches Thema spaltet Deutschland am heftigsten? Radwege? Heizungen? Weselskys größter Bahnstreik aller Zeiten? Oder die wahnwitzigen Planspiele gutbetuchter Fanatiker bei Schnittchen und Prosecco, mal eben Millionen von Mitbürgern aus dem Land zu deportieren? Oder: Klaus Florian Vogt. Die einen lieben ihn, die anderen hassen ihn. Wobei eigentlich Liebe im Kunstgenuss unbedingt angemessen ist, Hass hingegen […]
Holzpuppe oder Nixe, Hauptsache Mensch
Zu den Werken des zwanzigsten Jahrhunderts, die mich jedesmal magisch ins Konzert ziehen, gehört (wie zum Beispiel auch Janáčeks Sinfonietta) die Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta von Béla Bartók. Zu den Bartók-Werken, die mich normalerweise weniger ins Konzert ziehen, gehört die langwierige Ballettsause Der holzgeschnitzte Prinz. Beide Werke gab es nun am selben Wochenende […]
Rebecca Clarke bei Mendelssohns
Zu Berlins Klassikreichtum gehören neben Opern, Konzerthaus oder Philharmonie die zahlreichen Off-Stätten, von denen manche an den Gedanken des Salons anschließen: etwa der Piano Salon Christophori im Wedding oder Blackmore’s Musikzimmer in Wilmersdorf. Mit größtem Fug und Recht auf Salon-Tradition berufen kann sich natürlich das Stammhaus der Familie Mendelssohn in der Jägerstraße, zwischen Gendarmenmarkt und […]
Sonnenleicht
Vielleicht ist es eine ganz gute Idee von Joana Mallwitz, sich für eine Vorstellungsreihe in den dunklen Graben der Oper zu begeben – angesichts des aufgestauten Erwartungsdrucks an die neue Chefdirigentin des Berliner Konzerthauses und der Tatsache, wie sehr das Visuelle ihres Dirigierens betont wird, ihre physische Präsenz fürs Publikumsauge. Aktuell hängen in Berliner U-Bahnhöfen […]
Forza immersione
Ok, Teodor Currentzis. Darf man einfach sein Konzert besuchen und darüber schreiben, ohne erst moralisch-politische Stellung zu ihm als Gesamtphänomen zu beziehen? Muss man in sich gehen und bekennen, ob man diesem Mann zugestehen will, möglicherweise zwischen seinen Welten und Verantwortungen verstrickt und zerrissen zu sein? Das tat Hartmut Welscher in einem differenzierten Beitrag in […]
Weisen von Liebe und Tod
Heißt das nicht längst Uhus nach Spreeathen tragen: im Jahr 2023 noch oder wieder für Mendelssohn zu plädieren, wie Elena Bashkirova es mit ihrem Mendelssohn-Festival im Pierre-Boulez-Saal tut? Nicht unbedingt. So präsent Mendelssohns Musik sein mag, so präsent ist leider nach wie vor auch die Insinuierung seiner Musik als irgendwie flacher, unechter als andere Klassiker; […]
