Wie eine Alien-Parade muss Otto und Frieda Normalbayreuther dieser allsommerliche Aufmarsch der Wagnerfreunde erscheinen, 150 Jahre nach der zufälligen Erstlandung des Meisterraumschiffs im fränkischen Städtchen. Aber man integriert das Fremde! Im Frühstückszimmer meiner Pension, die zur Festspielsaison die Preise verdoppelt, prangt ein Druck der jungwagnerschen Dirigiersilhouette harmonisch neben drei kapitalen Hirschgeweihen. Und mit etwas Mühe […]
Autoren-Archive: Albrecht Selge
… lebt in Berlin, liebt Musik, schreibt Romane: u.a. ›Beethovn‹ (2020). Zuletzt erschien ›Silence‹.
Post aus Bayreuth (1): Mama räumt auf in der Männerpsycho-Küche
Die Welt ist wieder heil, als sie endlich von Neuem untergeht. Als die Sturmmusik des Fliegender Holländer-Vorspiels losbraust, ist die westdeutsche Flutkatastrophe mit allem Drumherum weit weg. Und auch die Corona-Pandemie irgendwie vergessen, wie wir da im Bayreuther Festspielhaus sitzen, durchgeimpft und abmaskiert und hemdesärmelig durchlüftet dank Sitzanordnung im Schachbrettmuster (ob’s was hilft in der […]
ZEITRAUMGEFÜGSKREISELEI? RESTART!
Der Godard dieses Rings heißt Corona. Denn was der berühmte französische Regisseur einmal in einem längst zu Tode zitierten Wort über Filmdramaturgie sagte (jeder Film brauche Anfang, Mitte und Ende, aber nicht unbedingt in dieser Reihenfolge), das besorgte für Stefan Herheims Neuinszenierung von Richard Wagners Vierteiler oder, wie’s der Kulturmensch nennt, Tetralogie niemand anders als […]
Wie ich lernte, Lutosławski zu lieben
Durch den Vorhang I: Aha-Erlebnisse Mein erster Lutosławski war ein Aha-Erlebnis: Ich hatte gerade begonnen, gelegentlich in Konzerte mit sogenannter moderner Musik zu gehen – ohne musikwissenschaftliches Spezialwissen, ohne kultische Verehrung dieses großen N in Neuer Musik. Nur mit offenen Ohren. Konversation mit der Musik statt Konversion. Einfach zuhören. Aber leichter gesagt als geschafft. Ich […]
Konzertglück – eine Liebeskummererklärung
Kalenderspruch des Monats, nein, des ganzen verflixten Corona-Jahres 2020 bisher: Man weiß erst, was man hatte, wenn man es verloren hat. Das ist eine dieser elenden Weisheiten, die den stechenden Schmerz des Liebeskummers zwar nicht lindern, ja ihn vielleicht sogar noch schlimmer machen. Und doch ist sie irgendwie tröstlich, weil sie zumindest Ordnung in den […]
Bläser, Frickler, Mystiker
Lieben Sie Bruckner? Na, wer liebte den Bruckner denn nicht heutzutage. Ist ja nicht mehr wie anno dazumal, als der Brucknerliebende zwischen alle Stühle geriet. Anfangs waren das zwei gefährliche Hoch- und Großstühle: Auf dem einen lungerte die Bayreuther Skylla mit der Meister-Dürer-Mütze; sie stellte sich, bei allem Wohlwollen für den buckelnden Bruckner, unter Zukunftsmusik […]
Kleinmachung des Mythen-Monstrums
Fotos © Bernd Uhlig Um Himmels willen das Wort mit C vermeiden, dieses elende C. Es gibt ja endlich wieder eine veritable Wagner-Premiere! Ein neuer Ring des Nibelungen entsteht, an der Deutschen Oper Berlin, wo einige Ewigkeiten lang Götz Friedrichs legendärer Zeittunnel vom Bühnenbild zur Sache selbst wurde: eine Inszenierung für immer, so schien es […]
Klassik-Junkie, untot
Wie geht’s eigentlich gerade den Heavy Usern des Klassikbetriebs – den Konzertsüchtigen? 2017 erschien in VAN das Porträt von Stefan, dem sanften Klassik-Grizzly. Jetzt war Zeit für eine Nachfrage, was der kalte Entzug in Corona-Zeiten mit einem macht, der normalerweise (fast) jeden Tag ins Konzert geht. Und siehe da, Stefan ist erstaunlich gut drauf … […]
33 Veränderungen über Vladimir Jurowski
Ein so außergewöhnlicher Dirigent wie Vladimir Jurowski hat etwas anderes verdient als ein Porträt aus der Routine-Kiste. Ein bisschen mehr Form, wenn auch nicht strikt musikalisch, eher assoziativ. Jurowski ist selbst ein Mann des freien, frei fließenden Wortes, wie man im Gespräch mit ihm schnell merkt: Berlin und Moskau. Oleg Senzow und Gustav Mahler. Die […]
Neuruppin Tag und Nacht.
Eine Landpartie mit der Lautten Compagney. Text · Fotos © Marcus Lieberenz · Datum 21.3.2018 Wer bei den Aequinox-Tagen in Neuruppin dabei ist, kann sich nicht vorstellen, dass irgendein Festival bezaubernder sein kann als dieses. Und irgendeine Altneu-Musik-Combo freier als die Berliner Lautten Compagney. Aber hinter Zauber und Freiheit steckt eine Menge Arbeit – und […]
