Heißt das nicht längst Uhus nach Spreeathen tragen: im Jahr 2023 noch oder wieder für Mendelssohn zu plädieren, wie Elena Bashkirova es mit ihrem Mendelssohn-Festival im Pierre-Boulez-Saal tut? Nicht unbedingt. So präsent Mendelssohns Musik sein mag, so präsent ist leider nach wie vor auch die Insinuierung seiner Musik als irgendwie flacher, unechter als andere Klassiker; diese Erfahrung habe ich mehrfach gemacht. Abgesehen davon ist ein Mendelssohn-Schwerpunkt im historischen Herzen Berlins, wo auch das familiäre und kulturelle Herz der Mendelssohns schlug, ebenso willkommen wie abwechslungsreiche Kammermusik auf hohem Niveau. Nur der Begriff Festival ist vielleicht etwas großspurig für zwei Konzerte am Freitag und Samstag Abend. Immerhin heißt es nicht »Projekt«. Und die Gegenüberstellung der Musik von Felix Mendelssohn Bartholdy und seiner Schwester Fanny Hensel mit Kompositionen dreier von den Nazis ermordeter Komponisten hat dann doch kuratorisches Gewicht, das den Begriff rechtfertigen mag.
Die Gastgeberin Elena Bashkirova lässt einen selbst sehnlich das Dreifache wünschen, wenn sie vier der zwölf Charakterstücke aus Fanny Hensels Klavierzyklus Das Jahrspielt. Das klingt nicht nur wunderbar farbenreich und ist von mustergültig lebendiger Agogik, sondern eben auch kompositorisch so ausgefeilt, das man gern mal alle zwölfe im Konzert hören würde. Eher freundliche Gastgeberinnenpflicht scheint es dagegen, wenn Bashkirova sich gemeinsam mit Sunwook Kim zu gepflegter Vierhändigkeit ans Klavier setzt. Diese Fassung von sieben Liedern ohne Worte Felix Mendelssohns ist klanglich etwas verbreitert, aber auch eine pianistische Unterforderung, bei der die vierte Hand oft zum Blättern frei bleibt. (Ravel hätte geraucht.) Und die Hebriden-Ouvertüre, ebenfalls in der Version für zwei Klavierspieler, hat man doch merklich stürmischer in Erinnerung, das wogt recht betulich direkt vom Blatt weg.

