Mit Dirigentenkarrieren ist es ein bisschen wie mit Führerscheinen im Autowahnland Germanien: Ist die Lizenz erst da, gilt sie ohne weitere Überprüfung bis zum jüngsten Tag; gegebenenfalls hofft man auf Einsicht, und unter kritischen Umständen kann man von Glück sagen, wenn lediglich Blechschaden eintritt. Für junge Dirigenten ist es oft schwieriger. Da kann es passieren, […]
Autoren-Archive: Albrecht Selge
… lebt in Berlin, liebt Musik, schreibt Romane: u.a. ›Beethovn‹ (2020). Zuletzt erschien ›Silence‹.
Bruckner unborn
Die Kombination von Brucknerjahr und thielemannscher Repertoirebeschränkung treibt kuriose Blüten. Bei den Berliner Philharmonikern werden als Raritäten gespielt: Anton B.s fragwürdigerweise sogenannte »Nullte Sinfonie« sowie eine Sinfonie, die man in dieser Logik die Minus-Einste nennen müsste. Quasi ungeborene Erstlinge. Oder ungelegte Eier, die aber doch schon verblüffend fertiggebrütet waren, wie das Orchester und Christian Thielemann […]
Effekt ohne Haschmich
Elisabeth Leonskaja ist zum Glück höchst lebendig. Am Berliner Konzerthaus gibt es neben der jeweiligen Residence eines verhältnismäßig jungen Künstlers (in dieser Saison des Geigers August Hadelich) regelmäßig konzentrierte Hommages an, sagen wir mal, große Alte. Die müssen gar nicht mehr sehr aktiv sein. Im Fall von Alfred Brendel spielten vorwiegend junge, von ihm geförderte […]
Große Räume, kleine Räume
Gewaltige Distanzen kann man an einem ganz normalen Berliner Konzertsonntagnachmittag zurücklegen: etwa von der nicht ersten, aber ersten bedeutenden Oper der Musikgeschichte direkt rüber zu einem intimen Kammerkonzert mit feiner Gegenwartsmusik von sage und schreibe acht verschiedenen Komponisten. Eine Viertelstunde per S-Bahn und Tram, vom Tiergarten in die Prenzlberger Kastanienallee; nicht nur musikalische Welten. Und […]
Stille. Eine Playlist
Zugegeben, strikt physikalisch hat die Enzyklopädie Musik in Geschichte und Gegenwart recht: »Wo Musik anhebt, ist es mit der Stille vorbei.« Aber es ist eben auch keine Musik ohne den Hintergrund der Stille denkbar. Und »selbst die Stille bezeichnet sich durch Töne«, wie schon die Hauptfigur von Diderots großartigem Dialogroman Rameaus Neffe wusste: Musik kann […]
Spirit statt Geist(er)
Am Ende wird’s dann doch zuerst potenziell kontrovers – und schließlich emotional bewegend im Neuköllner Heimathafen: Denn da kann der Sänger Isaiah Robinson offensichtlich kaum seine Tränen zurückhalten. Kurz davor ließ der Komponist Ted Hearne auf der Video-Ebene von over and over vorbei nicht vorbei dokumentarische Filmaufnahmen deutscher KZ-Gräuel (unter anderem aus Alain Resnais’ Nacht […]
Nixe in Wohnküche
Ein Regie-Trend der letzten Jahre in der Oper sind Überschreibungen: Auf die Theaterhandlung der Musik wird eine parallele, in sich schlüssige Handlung gelegt. Dieses Vorgehen löscht die Gestalt des Werks keineswegs aus (die Essenz eines großen Werks ist immer vielseitig), sondern kann sie neu beleuchten und intensivieren. Wenn das gelingt, kann es von erregender musikdramatischer […]
Kammerfunkig
In Berlin kann der emsige Konzertgänger jede Woche sein eigenes Kammermusikfestival kuratieren. Er kann da zum Beispiel am Montag exquisites Trio hören, am Dienstag spannungsreiches Quartett, am Mittwoch fein nachdenkliches Duo. Dazu muss er nicht mal in den Kammermusiksaal der Philharmonie pilgern, der mit seinen 1.200 Plätzen so groß ist wie andernorts »Große Säle« und […]
Gold und Schwarz
Die einzige der schätzungsweise 298 Opern von Nikolai Rimski-Korsakow, die hierzulande fest zum Kanon gehört, ist die Scheherazade, und die ist bekanntlich gar keine Oper. Hingegen wird Rimski-Korsakows letzte Oper Der goldene Hahn von 1908 zwar dauernd irgendwo gegegeben (in den letzten Jahren u.a. in Coburg, Magdeburg, Düsseldorf, Weimar), aber so richtig Repertoire ist sie […]
Jeder singt für sich allein
Welches Thema spaltet Deutschland am heftigsten? Radwege? Heizungen? Weselskys größter Bahnstreik aller Zeiten? Oder die wahnwitzigen Planspiele gutbetuchter Fanatiker bei Schnittchen und Prosecco, mal eben Millionen von Mitbürgern aus dem Land zu deportieren? Oder: Klaus Florian Vogt. Die einen lieben ihn, die anderen hassen ihn. Wobei eigentlich Liebe im Kunstgenuss unbedingt angemessen ist, Hass hingegen […]
