Die Kombination von Brucknerjahr und thielemannscher Repertoirebeschränkung treibt kuriose Blüten. Bei den Berliner Philharmonikern werden als Raritäten gespielt: Anton B.s fragwürdigerweise sogenannte »Nullte Sinfonie« sowie eine Sinfonie, die man in dieser Logik die Minus-Einste nennen müsste. Quasi ungeborene Erstlinge. Oder ungelegte Eier, die aber doch schon verblüffend fertiggebrütet waren, wie das Orchester und Christian Thielemann erschlagend bis begeisternd beweisen.
Wobei man auch sagen muss, dass die d-Moll-Sinfonie von 1869, die Bruckner selbst in einer Art Über-Auslöschung als »ungiltig« und »ganz nichtig« und »Ø. Sinfonie« markierte, mehrere Jahre nach der offiziellen Ersten entstand; zumindest nach deren Urfassung, denn wie so oft bei Bruckner existiert auch die Erste in mehreren Versionen. Ein Problem, das es bei der Annullierten immerhin wohl ebensowenig gibt wie bei der minus-einsten Sinfonie in f-Moll von 1863, die unterscheidungshalber öfter »Studiensinfonie« genannt wird. Da war Bruckner allerdings auch schon fast 40. Langzeitstudent aus Pingeligkeit und Skrupel.

