Elisabeth Leonskaja ist zum Glück höchst lebendig. Am Berliner Konzerthaus gibt es neben der jeweiligen Residence eines verhältnismäßig jungen Künstlers (in dieser Saison des Geigers August Hadelich) regelmäßig konzentrierte Hommages an, sagen wir mal, große Alte. Die müssen gar nicht mehr sehr aktiv sein. Im Fall von Alfred Brendel spielten vorwiegend junge, von ihm geförderte Künstler. Und im Fall von Nikolaus Harnoncourt 2014 fand die Hommage gerade noch rechtzeitig statt, der Dirigent starb sechzehn Monate später; wobei kein kausaler Zusammenhang angenommen werden sollte. Es gab aber auch schon mal eine Hommage an den Cellisten Mstislaw Rostropowitsch, der zum Zeitpunkt der Ehrbezeugung bereits zehn Jahre tot war.
Obwohl nun der klischeehafte Beiname »Grande Dame« für die 1945 in Tiflis geborene und seit einem halben Jahrhundert in Wien lebende Pianistin unvermeidbar sein mag, strahlt Leonskaja etwas Jugendliches, ja Mädchenhaftes aus. Das als Zuschauer zu erleben, ist eine Freude: Ihre Unbeschwertheit, Unbefangenheit, Freundlichkeit steckt an. Und dass sie technisch noch immer vielleicht nicht auf der absoluten, aber doch nah der Höhe ihres Könnens ist, hört man beglückt. Allfällige leichte Reibungsverluste der nicht wenigen Lebensjahre werden durch die Abgeklärtheit und, um es mal so zu sagen, unaufdringliche Weisheit von Leonskajas Musizieren mehr als aufgewogen.

