Schnuppe, ob nun le parole oder la musica zuerst: Sprache spielt in jeder Oper eine wichtige Rolle, sonst wär’s ja Ballett, Sinfonische Dichtung oder irgendein schlanglanges Schlimpimpel. Aber es gibt Werke, bei denen die Sprache eine besonders herausragende Angelegenheit ist, ohne dabei doch irgendwie »über« der Musik zu stehen. In Kaija Saariahos Gegenwartsoper Innocence (aktuell zu erleben in Dresden und Gelsenkirchen) entspinnt sich alles Musikdrama aus einem babylonischen Gespinst von neun Sprachen. In Leoš Janáčeks Opern hingegen schmiegt sich aller Klang an die »natürliche« Melodie der tschechischen Sprache an; ja, Janáček lässt allen Klang und alle Musik überhaupt erst aus menschlichem Sprechen entstehen.
Wobei das natürlich vor allem für die großen Alterswerke aus den 1920er Jahren gilt, von Katja Kabanowa über Das schlaue Füchslein (wie die originale Füchsin im Deutschen entgendert wird) und Die Sache Makropoulos bis zu Aus einem Totenhaus. Janáčeks erste Meisteroper Jenůfa kam zwanzig Jahre davor noch aus einer anderen Klangwelt. Die selten gespielten Ausflüge des Herrn Brouček aber, die dazwischen entstanden und deren Neuinszenierung jetzt an der Berliner Staatsoper Unter den Linden zu erleben ist, nennt der Premierendirigent Simon Rattle eine »Oper des Übergangs«. Da klingen zwar alle Eigenheiten des unübertroffenen Spätstils durch, das, was man gern »zerklüftet« nennt, diese spezielle Phrasenbildung, die abrupten Umschwünge zwischen intensivem Deklamieren und kurzen Inseln der Ekstase, die einem den Atem rauben können. Aber die Werkgenese war so umständlich und verquer, dass hier nicht die Musik aus der Sprache entstand, sondern paradoxerweise geradezu umgekehrt, wie Rattle im Interview mit Elisabeth Kühne im Programmheft erläutert:

