Stringenz ist in Regiearbeiten von Kirill Serebrennikov nicht zu erwarten, dafür die Plausibilität des intensiven Moments, im besten Fall eindringlicher halber Stunden. Das gilt nicht nur für seine Inszenierungsserie der Mozart/Da-Ponte-Opern, die jetzt an der Komischen Oper Berlin mit Don Giovanni ihren Abschluss findet; so war es auch in Serebrennikovs Wiener Parsifal. Dessen erzählerischer Bogen zerbröckelt nach einer Weile, aber bietet zuvor im ersten Aufzug gleich drei halbe Stunden, die einem die Kehle einschnüren können: mit der Männergemeinschaft Gralsburg als russischem Gefängnis. Ähnlich direkt in Operngängers Bauchhöhle hinein kann auch die unmögliche Idee knallen, unmittelbar an den Don Giovanni noch Mozarts Requiem anzuschließen. Denn die Verschmelzung von Lust und Tod ist nicht nur im Musiktheater von umstürzender Schlüssigkeit: unersättliche Lebensgier aus maßloser Angst vor dem Ende. (Obwohl man das, zugegeben, beim Don Giovanni auch ohne angehängte Totenmesse ahnen sollte, wenn eine Aufführung mit rechten Dingen zugeht.)


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… lebt in Berlin, liebt Musik, schreibt Romane: u.a. ›Beethovn‹ (2020). Zuletzt erschien ›Silence‹. ✉️ KonzertgaengerBerlin@gmail.com