Schnurz, ob nun la musica oder le parole zuerst: Sprache spielt in jeder Oper eine wichtige Rolle, sonst wär’s ja Ballett, Sinfonische Dichtung oder sonst ein schlingliges Schlampampel. Aber es gibt Werke, bei denen die Sprache eine besonders herausragende Angelegenheit ist, ohne dass sie doch irgendwie »über« der Musik stünde. In Leoš Janáčeks Opern schmiegt sich aller Klang an die »natürliche« Melodie der tschechischen Sprache an, ja Janáček lässt überhaupt alle Musik erst aus menschlichem Sprechen entstehen. In Kaija Saariahos Oper Innocence hingegen, uraufgeführt 2021 und jetzt neu produziert an der Semperoper Dresden zu erleben, entspinnt sich alles Musikdrama aus einem babylonischen Gespinst von neun Sprachen – und ebenso vielen unterschiedlichen Klangidiomen. Dennoch ist es, auch dank seiner alles verbindenden menschlichen Güte, ein Werk wie aus einem einzigen Guss von circa hundert Minuten. Darin ähnelt Innocence tatsächlich Saariahos erklärten Vorbildern Elektra und Wozzeck.
Zufällig ist eine der Sprachen, in denen die Menschen in Innocence ihr Innerstes nach außen kehren und verzweifelt aneinander vorbeireden, das Tschechische. Es ist die Erstsprache der Kellnerin Tereza, die durch einen entsetzlichen Zufall die Schnittstelle zwischen den unvereinbaren Leidenswelten von Innocence bildet: Niemals über den Tod ihrer vor zehn Jahren ermordeten Tochter hinweggekommen, wurde diese Tereza kurzfristig zum Einsatz bei einer Hochzeitsfeier im kleinen Kreis bestellt – und muss in den Versammelten die Familie desjenigen erkennen, der damals als Schulamokläufer ihr und viele andere Leben zerstörte. Dass auch die Familie des Täters (der nicht bei der Feier anwesend ist) erbärmlich leidet, vermag keine Verbindung zum Leid der Opfer zu stiften, schon aufgrund der Frage nach der Mitschuld, die sich auch die Täterangehörigen selbst immer wieder stellen. Für die kindlos gewordene Mutter aber, die ihren toten liebsten Menschen innerlich nicht loslassen kann, ist es unerträglich, dass diese Angehörigen des Mörders eine Zukunft haben, die es für sie selbst nicht mehr gibt.

