Wenn eine Sache mit nordischen Familienfeiern anfängt, weiß man bereits, dass sie schiefgehen muss. Thomas Vinterbergs Film Das Fest wurde vor 25 Jahren zum Klassiker des Verwandtschafts-Meltdowns. Und in Lars von Triers apokalyptisch-visionärer Depressionsfabel Melancholia ist die komplette erste Hälfte einer fehlgehenden Hochzeitsparty gewidmet: Darin misslingt schon zu Beginn die Anfahrt des Brautpaars, weil die […]
Autoren-Archive: Albrecht Selge
… lebt in Berlin, liebt Musik, schreibt Romane: u.a. ›Beethovn‹ (2020). Zuletzt erschien ›Silence‹.
Novembersonnig
November ist Brahmszeit. Natürlich existiert auch ein Brahms für jeden anderen Monat. Aber Wahrhaftigeres zum Totensonntag als Ein deutsches Requiem gibt es kaum; und die späten Klarinettensachen sind doch das Novembrigste, das sich denken lässt. Selbst wenn die Klarinette mal gar nicht vorkommt, wie in den Alternativfassungen der Sonaten Opus 120, die Brahms persönlich auch […]
Kinder am Rande des Nervenzusammenbruchs
Kinderoper ist eine schöne Herausforderung. Einerseits kann man diesem jungen Publikum, das bei Misslingen stets zur Ablenkung bereit ist, kein X für ein U vormachen; und man darf auch nicht auf überzüchtetes geduldiges Sitzfleisch spekulieren, wie es bei gelangweilten Erwachsenen oft möglich ist, zumal bei leidgeprüften Operngängern. Andererseits ist die Verlockung zur anbiedernden Seichtigkeit groß, […]
Auferstehung zum Abschied
Das war’s schon wieder: Nach gut sieben Jahren als Chefdirigent gibt Robin Ticciati seinen Ausstand beim Deutschen Symphonie-Orchester. Es ist nicht so, dass man ihn in Berlin satt hätte, im Gegenteil. Mit seiner Mischung aus musikalischer Ernsthaftigkeit und menschlicher Sanftmut, auch schüchternem Charme hat das Publikum Ticciati ziemlich liebgewonnen. Eher könnte man fragen, ob diese […]
Fegefeuer in Rheingoldstadt
Es weckt Staunen übers eben Gesehene und gespannte Erwartung aufs Kommende, was hier alles gelingt. Und das, obwohl Dirigent Vladimir Jurowski und Regisseur Tobias Kratzer einiges dafür investiert haben, dass die Sache schon zum Vorabend des neuen Münchner Ring des Nibelungen kolossal schiefgehen müsste. Zumindest könnte. Nein, müsste. Denn der eine dirigiert in Zeitlupe, der […]
Wüst am Meer
Hundertachtzehn Jahre lang wurde Ethel Smyths Oper The Wreckers in Deutschland (nach einer durch freche Männerkürzungen versemmelten Uraufführung) überhaupt nicht gespielt. Und jetzt gleich dreimal: kürzlich in Karlsruhe, im kommenden Winter in Schwerin, jetzt in Meiningen. Ist die üppige Strandräuberpistole der britischen Komponistin damit jetzt schlagartig Repertoire? Mal abwarten. Vermutlich wird das eine oder andere […]
Wie ein Konstrukt
Jeder konstruiert sich seinen Currentzis. Im Blick auf den schwarzgewandeten Bleichling scheinen mittlerweile keine Grautöne mehr möglich, nur noch Blackpainting versus Whitewashing. »Putinknecht, Geniefaker, Scharlatan« wütet es von der einen Seite, unter Beiseitefegung allen Zweifels, jeder Differenzierung, angestachelt durch Currentzis‘ schwer erträgliches Schweigen zu Russlands Krieg. Pah! Kunst und Politik müsse man »einfach trennen«, leiert […]
1A alliterierend
Ja, das passt musikalisch und menschlich: Die Akademie für Alte Musik (aka Akamus) und der Countertenor Carlo Vistoli treten zum Beginn einer gemeinsamen Europareise im Berliner Konzerthaus auf. Von Lissabon bis Lausanne werden sie ihr Programm spielen, mit Musik von 1710 bis 1730 aus den drei großen L-Städten: London, Leipzig, Lagunenstadt. Vistoli, geboren in Lugo, […]
Charmant verrutschend
Das Jubiläumsjahr war leider schon voll: Bruckner, 200. Geburtstag, und Puccini, 100. Todestag, werden sowieso ständig gespielt. Arnold Schönberg, 150. Geburtstag, ist das, was denkende Dirigenten eigentlich immer machen wollen, aber sonst nur begrenzt dosieren dürfen. Ferruccio Busoni, ebenfalls 100. Todestag, gibt spezialisierten Solisten Gelegenheit, das aufzuführen, was sonst keiner auf dem Kasten hat. Und […]
Because why not
»Man braucht ein bestimmtes Wissen, eine historische Einordnung, um eine vertiefte Emotion herstellen zu können«, sagt über alte Musik der Kritiker Clemens Goldberg, der für derlei Wissensvermittlung bei seinem öffentlich-rechtlichen Sender Radio3 im Zeitalter der Durchhörbarkeit keinen Platz mehr sieht. Am anderen Ende der Näherbringungsskala steht derzeit der junge polnische Countertenor Jakub Józef Orliński, der […]
