Als mir ein Freund ein Youtube-Video von Helmut Lachenmanns neuestem Stück Marche fatale für Orchester schickte, schrieb ich zurück: »Heilige Scheiße, ist das ein Witz?« Der Komponist, der mit beinahe beängstigender Geschicklichkeit und Intelligenz geräuschhafte Werke schreibt, der im Alleingang wahrscheinlich mehr neue Instrumentalklänge erfunden hat als jeder andere im Laufe der Musikgeschichte, hat einen […]
Autoren-Archive: Jeffrey Arlo Brown
... ist seit 2015 Redakteur bei VAN. Sein erstes Buch, The Life and Music of Gérard Grisey: Delirium and Form, erschien 2023. Seine Texte wurden in der New York Times und anderen Medien veröffentlicht.
Die nussige Zeitmaschine
Am 17. Dezember endete das Actus Humanus-Festival für Alte Musik in Danzig. Ich habe dort das Abschlusskonzert mit dem Cembalisten Christophe Rousset, Sopranistin Ann Hallenberg und dem Ensemble Les Talens Lyriques angehört. Das Programm, vokale und instrumentale Stücke, war inspiriert vom Oscar-gekrönten Film über den berühmten Kastraten Farinelli. Les Talens Lyriques hatten 1994 den Soundtrack […]
Reibung in den Raum stellen
Am 27. Oktober 2017 hat die Altistin Wiebke Lehmkuhl einen Ton gesungen – wenn ich mich nicht täusche, war es ein G oder ein Es – der so leise und glatt war, dass er noch mehr nach einem Knaben klang als so mancher Knabensopran. Es war die h-moll-Messe von Bach unter der Leitung von Ton […]
Warten und sich selbst malträtieren
Wie gehen Sie in Ihrer Arbeit mit Einsamkeit, Selbstzweifeln und Frustration um? Fällt es Ihnen heute leichter oder schwerer als früher? Der Arbeitsprozess ist immer schwierig. Komponieren heißt vor allem: Warten und sich selbst malträtieren! Das Schlimmste sind die langen quälenden Phasen, in denen man in seinem Zimmer sitzt und es nicht weitergeht. Dieser Prozess […]
Big Macs vs. Bach-Kantaten
Ich traf den Cembalisten, Organisten und Alte-Musik-Experten Ton Koopman an einem blassgrauen Morgen in Lübeck, wo er bei einem Festival spielte, das dem barocken Organisten und Komponisten Dietrich Buxtehude gewidmet war. Koopman trug ein dunkelblaues Sakko, ein hellblaues Hemd, eine runde Brille und erdrote Hosen. Er hat hellblaue Augen, suchte aber während unseres Gesprächs nicht […]
»Diese großartige Leuchtkraft.«
Es ist klischeehaft zu behaupten, dass man einen Künstler »entweder liebt, oder ihn hasst«. Über Brian Ferneyhough zu sprechen verlangt größere Präzision. Kaum jemand bezweifelt, dass sein Werk meisterhaft ist – anstatt seine Musik also zu lieben oder sie zu hassen, verehrt man sie entweder oder lehnt ihre Prämissen grundsätzlich ab. Es ist schwierig ein […]
»Du verdaust das Stück, verarbeitest es und dann gehst du ins Studio.«
Vor Kurzem habe ich den Pianisten Jean-Yves Thibaudet am Telefon gesprochen, während er sich in Paris aufhielt. Wir machten Smalltalk, sprachen über einen seiner Urlaube in der Karibik, wo er ein Klavier einfliegen musste, um üben zu können. Dann ging es ans Eingemachte: Einspielungen von Komponisten-Gesamtwerken, Filmmusik und schwul sein in der Klassikwelt. VAN: Im […]
»Ich nutze ein Weltklasseorchester nicht zum Experimentieren.«
Mitte Juni treffe ich den in Deutschland geborenen, jetzt in New York lebenden Komponisten und Dirigenten Matthias Pintscher zum Mittagessen in einem Berliner Fischrestaurant. Er trägt ein T-Shirt mit V-Ausschnitt und bestellt 9 Austern für uns beide – nicht ohne den Kellner vorher zweimal zu fragen, ob sie wirklich unbedenklich gegessen werden können. Dazu trinken […]
Wind und Blasen
Mark Andre schreibt Musik von einer intensiven, zerbrechlichen Melancholie. Sie scheint mir bescheiden, vorsichtig, eindringlich, etwa wie die Beobachtungen vom Autor W.G. Sebald, deren Wirkung an der präzisen Reihung unspektakulärer Situationen liegt.Auch persönlich ist Andres Art extrem bescheiden. Ich treffe ihn an einem verregneten Nachmittag im Café Einstein, Berlin-Mitte. Andre, 1964 in Frankreich geboren, lebt […]
Gesundes Misstrauen
Ein Interview mit Steven Isserlis Text · Übersetzung · Fotos © CHRISTIAN MENKEL · Datum 21.6.2017 Beim Abschlusskonzert des diesjährigen Mozartfests in Augsburg spielte der Cellist Steven Isserlis Richard Strauss’ Don Quixote. Im Umkreis des Festivals Isserlis-Fotos, wo man hinsieht. Die Person hinter dem Poster besteht allerdings darauf, dass Don Quixote nicht als Instrumentalkonzert mit […]
