Mark Andre schreibt Musik von einer intensiven, zerbrechlichen Melancholie. Sie scheint mir bescheiden, vorsichtig, eindringlich, etwa wie die Beobachtungen vom Autor W.G. Sebald, deren Wirkung an der präzisen Reihung unspektakulärer Situationen liegt.Auch persönlich ist Andres Art extrem bescheiden. Ich treffe ihn an einem verregneten Nachmittag im Café Einstein, Berlin-Mitte. Andre, 1964 in Frankreich geboren, lebt seit 12 Jahren in Berlin-Friedrichshain. Er bestellt ein Wasser mit Sprudel, Zitrone, und, »wenn er dürfe«, Eiswürfel. Im Gespräch bedankt er sich mehrmals bei mir für mein Interesse an seinem Werk, das zweifellos zu einem der wichtigsten zeitgenössischen in Europa gehört.

VAN: Du hast von 1987 bis 1993 am Pariser Konservatorium studiert, unter anderem bei Gérard Grisey. Dies war eine Zeit, in der Pierre Boulez einen besonders großen Einfluss auf die Musik in Frankreich ausübte. Wie hast du sie erlebt?
Mark Andre: Bei Grisey habe ich nur ein Jahr studiert, das war ein bisschen zufällig. Er sprach viel über Scelsi und Ligeti. Er war natürlich extrem gegen andere … sagen wir: ›Fraktionen‹ (lacht). Es war schwierig, diesen Streit zwischen ihm und Boulez nicht mitzubekommen. Ich hatte großen Respekt vor Pierre Boulez, mit dem ich viel später arbeiten durfte. Ich hatte auch großen Respekt vor den Spektralisten – aber beide waren nicht meine Familie. Ich war mit keiner Fraktion richtig einverstanden.

