Als mir ein Freund ein Youtube-Video von Helmut Lachenmanns neuestem Stück Marche fatale für Orchester schickte, schrieb ich zurück: »Heilige Scheiße, ist das ein Witz?« Der Komponist, der mit beinahe beängstigender Geschicklichkeit und Intelligenz geräuschhafte Werke schreibt, der im Alleingang wahrscheinlich mehr neue Instrumentalklänge erfunden hat als jeder andere im Laufe der Musikgeschichte, hat einen tonalen Marsch mit eingängiger Melodie und einem musikalischen Furz-Witz geschrieben. Der Intellektuelle mit dem weißen Bart, der berühmt ist für die Dekonstruktion des klassischen Repertoires durch unglaublich raffinierte Instrumentaltechniken und Spielweisen, hat etwas geschrieben, das klingt wie ein Cousin der ultimativen Cartoon-Musik, des Radetzky-Marsches von Johann Strauss.
Die Online-Reaktionen auf Lachenmanns Stück lassen sich in einem Wort zusammenfassen: »What?!?« Lachenmann ist, vor allem für die in den USA lebenden Avantgarde-Komponisten, die sich gegen eine Flut von sanftem Post-Minimalismus stemmen, so etwas wie eine Ikone. Darum auch die roten T-Shirts mit Che Guevara-Lachenmann und die Helmut Hard Core Total Devotion Group auf Facebook. Es ist nicht so, dass die Fans sich hintergangen fühlten, vielmehr wollten sie wissen, was der Grund für die Marche fatale war – denn bei Lachenmann gibt es immer einen Grund. Nur, dass diesmal niemand auch nur eine Ahnung hatte, was dahinter stecken könnte.

