Ein Interview mit Jean-Yves Thibaudet

Text · Übersetzung · Titel Bild CAT BURTON (CC BY-NC-ND 2.0) Datum 30.8.2017

Vor Kurzem habe ich den Pianisten Jean-Yves Thibaudet am Telefon gesprochen, während er sich in Paris aufhielt. Wir machten Smalltalk, sprachen über einen seiner Urlaube in der Karibik, wo er ein Klavier einfliegen musste, um üben zu können. Dann ging es ans Eingemachte: Einspielungen von Komponisten-Gesamtwerken, Filmmusik und schwul sein in der Klassikwelt.

Jean-Yves Thibaudet • Foto © Decca/Kasskara

Jean-Yves Thibaudet • Foto © Decca/Kasskara

VAN: Im Jahr 2016 hast du alle Stücke aufgenommen, die Erik Satie für Klavier solo geschrieben hat. Wie ist das, so viel Zeit mit einem so merkwürdigen Komponisten zu verbringen?

Jean-Yves Thibaudet: Ich weiß nicht, ob ›merkwürdig‹ der richtige Ausdruck ist. Ich glaube, er war auf eine Art schon merkwürdig, aber ich finde ihn auch faszinierend, als Komponisten und als Charakter. Er war ein sehr moderner Komponist, daher scheinen die Leute nur seine extreme Seite zu sehen. Ich glaube, es hat ihm Spaß gemacht, Leute zu provozieren, das war genau sein Humor. Er nimmt für mich einen sehr wichtigen Platz ein in der Musik, vor allem in der französischen Klaviermusik.  Er war Vorreiter in vielerlei Hinsicht. Leute wie Debussy zum Beispiel haben ihn sehr bewundert.

Um ehrlich zu sein: Ich wurde eigentlich nur für eine Satie-Aufnahme angefragt: sein bekannter Kram, das, was ohnehin alle kennen. Das habe ich abgelehnt. Ich sagte: ›Kein Interesse, tut mir leid. Das klingt mir zu kommerziell.‹ Sie haben noch öfter vergeblich angefragt, bis sie endlich auf die Idee kamen: ›Wie wäre es, eine neue Version aller Klavierstücke zu machen?‹ Da habe ich gesagt: ›Das ist etwas ganz Anderes. Gebt mir etwas Bedenkzeit.‹ Ich habe angefangen zu recherchieren und da ist es passiert: Ich habe so viele faszinierende Sachen entdeckt, sogar Stücke, die erst kürzlich gefunden und noch nie aufgenommen wurden.  

Erik Satie, Ogives; Jean-Yves Thibaudet (Klavier)

Wenn du sämtliche Werke eines Komponisten oder einer Komponistin für Klavier solo aufnimmst, machst du das in einem Rutsch?

Nein, Nur bei Ravel – Ravel ging wirklich schnell, weil ich all seine Musik mein ganzes Leben lang gespielt habe, und auch, weil es nicht so viel ist. Ravel hat insgesamt nur 110 Minuten für Klavier solo geschrieben. Deswegen war es nach drei oder vier Tagen komplett eingespielt. Bei Debussy und Satie hat es jeweils zwei oder drei Jahre gedauert.

Zwischendurch mache ich dann auch andere Sachen. Ich kann natürlich nicht zwei Jahre lang nur Satie spielen (lacht). Ich muss mein Leben leben und meine Karriere voranbringen. Ein oder zwei Monate vor den Aufnahmesessions nehme ich mir dann frei und übe nur, was ich aufnehmen werde.

Je mehr du den Komponisten in dein Leben einbindest, um so stärker verinnerlichst du das Werk. Du verdaust es, verarbeitest es und dann gehst du ins Studio. Manchmal spiele ich Stücke eine Zeit lang, lasse sie dann wieder eine Zeit ruhen, um sie dann erneut zu spielen.

Was wolltest du mit deiner ›Oper ohne Worte‹-CD erreichen, das man nicht auch mit Sänger oder Sängerin und Klavier hätte machen können?

Ich habe keine gute Stimme und werde niemals singen (lacht). Das Klavier ist natürlich ein perkussives Instrument. Trotzdem träume ich davon, das Klavier zum Singen zu bringen.

Das Opernrepertoire ist so fantastisch. Das Projekt hatte viel von Selbstverwirklichung und war vielleicht auch ein bisschen dekadent. Aber Opernrepertoire nur auf dem Klavier zu spielen hat Tradition, wir haben das ein bisschen vergessen. Im 19. Jahrhundert haben alle großen Pianist*innen Operntranskriptionen gespielt – Liszt zum Beispiel. Es war Teil des Pianist*innenlebens.

Weißt du, jede Aufnahme, die ich mache, muss von Herzen kommen. Ich muss komplett begeistert sein und daran glauben. Ich kann kein Projekt machen, weil jemand sagt: ›Das verkauft sich gut.‹ Wenn es sich für mich nicht natürlich anfühlt, kann ich es nicht. Und dann mache ich es auch nicht.  

Wirst du oft gebeten, Stücke einzuspielen, weil die sich gut verkaufen würden?

Sie versuchen es. Aber ich habe es nie gemacht, in keiner meiner mehr als 50 CD-Produktionen. Musik und Kunst funktionieren nicht mechanisch. Sie müssen von innen kommen.

Du hast auch schon mehrere Filmmusiken aufgenommen. Was ist bei der Produktion anders als bei normalen CDs?

Ich liebe es. Es ist ein komplett anderer Prozess. Es ist sogar fast das komplette Gegenteil von dem, was du sonst bei Aufnahmen machst. Normalerweise hast du ein Stück und musst alles so machen, wie es in den Noten steht. Trotzdem ist da ein riesiger Raum für die eigene Interpretation: Du kannst atmen, Noten dehnen, verlangsamen oder schneller spielen. Beim Film folgt die Musik dem Bild. Der Rhythmus wird vom Film vorgegeben – das Timing ist absolut essenziell. Du kannst nicht einfach mal ein rubato machen, es muss alles passen. Es lehrt dich Bescheidenheit, weil du nicht mehr existierst.

Das klingt, als könnte es erfrischend sein, wenn du ansonsten viel Klavier solo spielst.

Das ist es – es ist anstrengend, intensiv, du musst sehr konzentriert sein, aber du musst nicht so viel nachdenken. Du springst einfach in den Film und wirst zum Schauspieler.


Artikel jetzt twittern: Jean-Yves Thibaudet im Interview in @vanmusik.

Können wir auch über Schwul sein in der klassischen Musikwelt sprechen?

Absolut!

Hast du schon mal negative Erfahrungen machen müssen im Hinblick darauf, wie Leute in der Klassikwelt mit deinem Schwul sein umgehen?

Nein, nie. Ich habe großes Glück gehabt. In der Welt der Musik – in der Welt der Kunst im Allgemeinen – sind wir sehr privilegiert. Wenn du ein Bänker bist … es gibt viele andere Welten, wo es sehr viel schwieriger ist. Aber ich denke, als Künstler werden wir akzeptiert.

Glaubst du, es gibt so etwas wie eine schwule Ästhetik in der klassischen Musik?

Ich weiß nicht. Ich glaube auch nicht an solche Verallgemeinerungen. Vielleicht haben wir – aber das ist wirklich schwer zu sagen – etwas mehr von diesem Sensiblen, Feinen, dieser femininen Seite. Aber jeder Mensch hat beide Seiten. Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass niemand komplett hetero- oder homosexuell ist. Deswegen ist es ziemlich schwierig, sowas zu verallgemeinern.

Maurice Ravel, Sonatine, I. Modéré; Jean-Yves Thibaudet (Klavier) 

Manche sagen, dass Ravel vielleicht schwul war …

Ja, aber das heißt nicht, das du schwul sein musst, um seine Musik gut zu spielen. Meine Lehrerin Lucette Descaves kannte ihn tatsächlich ziemlich gut – nicht, dass sie mir gesagt hätte, dass er schwul war – aber es ist klar, dass er nie eine feste Freundin hatte und natürlich auch keinen festen Freund, zumindest keinen, von dem wir wüssten. Aber er hatte kein Privatleben, er war nicht verheiratet und damals und in dem Alter was das nicht normal. Er hatte auch nur sehr wenige Freunde. Ich glaube, es ist sehr gut möglich. Aber wir haben keine Beweise.

Du bist bekannt für dein Interesse für Mode …

Ich liebe Mode seit ich neun bin. Ich erinnere mich noch, dass ich vor meinem ersten Konzert mit sieben oder acht Jahren in einen Laden gegangen bin und sehr genau wusste, was ich wollte: ›Ich will diese Jacke mit dieser Hose und dieses Paar Schuhe.‹

Hattest du damals schon eine Ahnung davon, dass du schwul bist?

Ich wusste damals nicht mal, was das bedeutet. Mir war das nicht direkt klar. Es war wirklich faszinierend. Ich war etwa 19 oder 20, als ich meiner Mutter endlich gesagt habe, dass ich vielleicht schwul bin. Sie hat nur gelacht und gesagt: ›Glaubst du, ich bin eine Idiotin? Das wusste ich, seitdem du fünf bist!‹ ¶

Jeffrey Arlo Brown

...ist seit 2015 Redakteur bei VAN. Seine Texte sind auch in Slate, The Baffler, The Outline, The Calvert Journal und Electric Lit erschienen. Er lebt in Berlin. jeff@van-verlag.com