Das Konzertleben ist eine Baustelle. Gerade in Berlin, wo es doch von allem so viel zu geben scheint, existieren bemerkenswerte Leerflächen. So kann es kommen, dass ein angesagter Pianist wie Alexander Krichel, der wenige Tage zuvor noch in der Elbphilharmonie zu erleben war, hierzustadt nicht etwa im Kammermusiksaal der Philharmonie auftritt, sondern im urigen Pianosalon […]
Kategorie: Hundert 11
Konzertgänger in Berlin – der Blog von Albrecht Selge.
Mehr Ausdruck der Empfindung als Kritik.

Schieffliegend
Das standardigste aller Standardkonzerte (Ouvertüre, Solokonzert, SINFONIE) kann in schöne Schieflage geraten, wenn eine Nummer von Beethoven dabei ist. Und so wird im jüngsten Konzert des Deutschen Symphonieorchesters in der Berliner Philharmonie daraus eben: Ouvertüre, Sinfonie, BEETHOVEN-SOLOKONZERT. Das einschlägige Violinkonzert überstrahlt auch dank der Solistin den ersten Raritäten-Teil des Programms heller, als es in der […]
Vögelnde Strauße, oiseaux tristes
Nicht um ein Nichts, ein gar Nichtiges, dreht es sich in diesem Stück, sondern um unsere Träume und Sehnsüchte in diesem uns zermürbenden, ertränkenden Alltag, der die Liebe abschleift zu nickligem, kein Ende mehr nehmendem Aneinanderhadern. Gibt es denn Traurigeres, wenn man so recht darüber nachdenkt? Der Ruf kompletter Belanglosigkeit freilich eilt dem selten bis […]
Überkreuzend
Konzerte mit dem Dirigenten Iván Fischer lohnen immer, selbst wenn eine seiner originellen Programm-Ideen mal eher so semi zündet. Denn Fischers Neugier, Fischers Freude und Fischers dirigentische Kompetenz auf unterschiedlichsten Gebieten von dogmafreiem Barock bis zu unverkopfter Gegenwartsmusik tragen jeden Abend. Was jetzt im Berliner Konzerthaus eine Bach-Kantate mit Musik von Philip Glass verbinden soll, […]
Ritualvollzug
Die noch Uninitiierten, das heißt nicht voll in den Ritus Eingeweihten, sowie die Blasenschwachen erkennt man daran, dass sie bereits nach der zweiten oder dritten Zugabe den Saal verlassen, sobald sie ihren Videoschnipsel im smarten Flachkasten haben, diesem platten Sarg unserer Erinnerungen: Ach, diese Ahnungslosen wissen nicht, dass der Meister immer sechs Zugaben spielt. Mag […]
Entnebelnd
Zu den Dingen, die das tüchtige Konzerthaus am Gendarmenmarkt der platzhirschigen Berliner Philharmonie voraus hat, gehört (außer einer Chefdirigentin) der Werner-Otto-Saal. Quasi eine flexible Studiobühne, durch die alle mögliche zeitgenössische Musik permanente Präsenz im Haus hat: zum Beispiel mit der Reihe 2x hören, mit dem AsianArt Ensemble oder Berlin PianoPercussion. Die regelmäßigen Auftritte des ensemble […]
Anti-, halb- und vollwotanisch
Wer den überoperngroßen Ring des Nibelungen inszenieren will, dem kann es leicht wie Wotan ergehen: Ein kühner Entwurf zeitigt unabsehbare Folgen, und wenn man dann die Dramaturgiekundlerin fragt, »wie zu hemmen ein rollendes Rad«, ist es längst zu spät – man hat sich verzettelt. Andererseits, willensfaule Beschränkung auf biederes Weltendrama-Begleiten oder gar schnödes Illustrieren wäre […]
Von Menschen und Tauben
»Was ist der Mensch?«, lautete die Frage, die den legendären Universalgelehrten Arnold Hau zeitlebens umtrieb. Die letzten kirchlich Geprägten mögen das autovervollständigen: »Was ist der Mensch, dass du ihn groß achtest und dich um ihn bekümmerst?« So heißt es im Buch Hiob in der revidierten Lutherbibel von 1984. Den einleitenden Hauptsatz (und damit die ewige […]
Sorgfältig treibend
Mit Dirigentenkarrieren ist es ein bisschen wie mit Führerscheinen im Autowahnland Germanien: Ist die Lizenz erst da, gilt sie ohne weitere Überprüfung bis zum jüngsten Tag; gegebenenfalls hofft man auf Einsicht, und unter kritischen Umständen kann man von Glück sagen, wenn lediglich Blechschaden eintritt. Für junge Dirigenten ist es oft schwieriger. Da kann es passieren, […]
Bruckner unborn
Die Kombination von Brucknerjahr und thielemannscher Repertoirebeschränkung treibt kuriose Blüten. Bei den Berliner Philharmonikern werden als Raritäten gespielt: Anton B.s fragwürdigerweise sogenannte »Nullte Sinfonie« sowie eine Sinfonie, die man in dieser Logik die Minus-Einste nennen müsste. Quasi ungeborene Erstlinge. Oder ungelegte Eier, die aber doch schon verblüffend fertiggebrütet waren, wie das Orchester und Christian Thielemann […]
