Heißt das nicht längst Uhus nach Spreeathen tragen: im Jahr 2023 noch oder wieder für Mendelssohn zu plädieren, wie Elena Bashkirova es mit ihrem Mendelssohn-Festival im Pierre-Boulez-Saal tut? Nicht unbedingt. So präsent Mendelssohns Musik sein mag, so präsent ist leider nach wie vor auch die Insinuierung seiner Musik als irgendwie flacher, unechter als andere Klassiker; […]
Kategorie: Hundert 11
Konzertgänger in Berlin – der Blog von Albrecht Selge.
Mehr Ausdruck der Empfindung als Kritik.

Schätzefindend
Was es mit dem ominös-antiken Begriff »Rundfunk« anno 2023 noch auf sich haben kann und soll, bleibt eine heikle Frage. Aber dass unsere vertraut-gegenwärtigen Rundfunkorchester eine zentrale Rolle in unserem Musikleben spielen, zeigten dieser Tage wieder mal zwei außerordentliche Konzerte des Deutschen Symphonie-Orchesters und des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin: hier dreifaches Debüt auf hohem Niveau, dort transkanalige […]
Einleuchtend, nicht erläutert
Es gibt innovative Konzertformate, die sind so nervig wie ein Steinchen im Schnürstiefel. Und es gibt die Casual Concerts des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin (DSO), die sind längst ein Klassiker. Eingeführt hat sie vor fünfzehn Jahren der damalige Chefdirigent Ingo Metzmacher: Orchester in Alltagsklamotten, ein einzelnes Werk im stets vollen Großen Saal der Philharmonie einführend erklärt […]
Falsche Flügel, universales Fußweh
Erfreulich, was für ein hohes Wagner-Grundniveau an der Deutschen Oper Berlin (immer noch oder wieder?) möglich ist, wenn Aufführungen gut besetzt sind und gut geleitet werden. Das zeigt sich an meinem zweiten Wagner-Doppel-Wochenende in diesem November: Nachdem ich kürzlich einen vorzüglichen Tannhäuser und einen eher durchwachsenen Fliegenden Holländer erlebte, war ich nun bei einem fabelhaften […]
Akademisch, vulkanisch
(Fast) immer, wenn ich Musik von Sergej Tanejew höre, frage ich mich, warum er nicht öfter gespielt wird. Denn obwohl in praktisch jedem Programmheft steht, der russische Komponist habe Zeitgenossen als »akademisch« und »trocken« gegolten, erlebe ich seine Musik stets von neuem als feurig, ja vulkanisch; außerdem verliebte sich ja auch die lebenshungrige Sofia Tolstaja, […]
Betend, berstend
Manchmal stimmt einen die Wiederbegegnung nach längerer Zeit milder gegenüber einer Inszenierung, die einen seinerzeit beim Kennenlernen mopste. So ist es mir zum Beispiel mit Kirsten Harms’ fünfzehn Jahre alter Tannhäuser-Regie ergangen, die im Rahmen einer Gesamt-Wagner-Durchmessung (einschließlich inhärentem Dirigenten-Casting) an der Deutschen Oper Berlin wiederzusehen ist. Mein früherer Grimm über Unzulänglichkeiten und Zumutungen, etwa […]
Vielleicht gerade richtig
Während ich tags zuvor beim Krematoriums-Konzert des Solistenensemble Kaleidoskop und der Sängerin Anika gefühlt der älteste Sack im Saal war, könnte ich mir bei den Berliner Philharmonikern glatt die Schwachheit einbilden zu meinen: Hier wäre ich der jüngste. Denn vor Konzertbeginn werden wir per Lautsprecher-Ansage nicht nur ums Ausschalten unserer notorischen Handys gebeten, sondern auch […]
Herbstwaldrand
Manchmal können »innovative Konzertformate« doch von absolut sympathischer Schnörkellosigkeit sein: etwa, indem ganz simpel zwei grundverschiedene Werke einander gegenübergestellt werden, die hirnverknotenderweise zur selben Zeit entstanden. 1970 war das Jahr, in dem jenseits des Atlantischen Ozeans eine Deutsche namens Christa Päffgen alias »Nico« gemeinsam mit John Cale das höchst eigenartige Album Desertshore gebar und diesseits […]
Neuköllner Oratorium
Gegensätzliche Welten in Neukölln: Während in der Sonnenallee allnächtliche Ausschreitungen inklusive antisemitischer Exzesse viele erschrecken, scheinen in der parallel verlaufenden Karl-Marx-Straße am Donnerstagabend solche Konflikte weit entfernt. In der Neuköllner Oper werden Kompositionen von Johann Sebastian Bach aus Kantaten, Motetten, Passionen herausgelöst, um daraus eine Art Oper zu backen. Bach, der ja Parodist oder Kontrafakturist im […]
Theophanie im Plenarsaal
Vielfalt der parallelen Sonntagnachmittagsbeschäftigungen einer normalen Berliner Familie: Unsere Kinder schauen im Zoopalast den »Mighty Kinofilm« Paw Patrol, während meine Frau und ich uns fünf Kilometer weiter östlich das Mighty Barockwerk Rosenkranz-Sonaten reinziehen, Geigenfingerpatrouille der Sonderklasse. Der herzige Welpenreißer dauert 95 Minuten, der herzinnige Biberschlager satte 210. Allerdings inklusive Pausen und Nachstimmen. Letzteres nimmt bei Darmsaiten […]
