Zu den Dingen, die das tüchtige Konzerthaus am Gendarmenmarkt der platzhirschigen Berliner Philharmonie voraus hat, gehört (außer einer Chefdirigentin) der Werner-Otto-Saal. Quasi eine flexible Studiobühne, durch die alle mögliche zeitgenössische Musik permanente Präsenz im Haus hat: zum Beispiel mit der Reihe 2x hören, mit dem AsianArt Ensemble oder Berlin PianoPercussion. Die regelmäßigen Auftritte des ensemble […]
Kategorie: Hundert 11
Konzertgänger in Berlin – der Blog von Albrecht Selge.
Mehr Ausdruck der Empfindung als Kritik.

Anti-, halb- und vollwotanisch
Wer den überoperngroßen Ring des Nibelungen inszenieren will, dem kann es leicht wie Wotan ergehen: Ein kühner Entwurf zeitigt unabsehbare Folgen, und wenn man dann die Dramaturgiekundlerin fragt, »wie zu hemmen ein rollendes Rad«, ist es längst zu spät – man hat sich verzettelt. Andererseits, willensfaule Beschränkung auf biederes Weltendrama-Begleiten oder gar schnödes Illustrieren wäre […]
Von Menschen und Tauben
»Was ist der Mensch?«, lautete die Frage, die den legendären Universalgelehrten Arnold Hau zeitlebens umtrieb. Die letzten kirchlich Geprägten mögen das autovervollständigen: »Was ist der Mensch, dass du ihn groß achtest und dich um ihn bekümmerst?« So heißt es im Buch Hiob in der revidierten Lutherbibel von 1984. Den einleitenden Hauptsatz (und damit die ewige […]
Sorgfältig treibend
Mit Dirigentenkarrieren ist es ein bisschen wie mit Führerscheinen im Autowahnland Germanien: Ist die Lizenz erst da, gilt sie ohne weitere Überprüfung bis zum jüngsten Tag; gegebenenfalls hofft man auf Einsicht, und unter kritischen Umständen kann man von Glück sagen, wenn lediglich Blechschaden eintritt. Für junge Dirigenten ist es oft schwieriger. Da kann es passieren, […]
Bruckner unborn
Die Kombination von Brucknerjahr und thielemannscher Repertoirebeschränkung treibt kuriose Blüten. Bei den Berliner Philharmonikern werden als Raritäten gespielt: Anton B.s fragwürdigerweise sogenannte »Nullte Sinfonie« sowie eine Sinfonie, die man in dieser Logik die Minus-Einste nennen müsste. Quasi ungeborene Erstlinge. Oder ungelegte Eier, die aber doch schon verblüffend fertiggebrütet waren, wie das Orchester und Christian Thielemann […]
Effekt ohne Haschmich
Elisabeth Leonskaja ist zum Glück höchst lebendig. Am Berliner Konzerthaus gibt es neben der jeweiligen Residence eines verhältnismäßig jungen Künstlers (in dieser Saison des Geigers August Hadelich) regelmäßig konzentrierte Hommages an, sagen wir mal, große Alte. Die müssen gar nicht mehr sehr aktiv sein. Im Fall von Alfred Brendel spielten vorwiegend junge, von ihm geförderte […]
Große Räume, kleine Räume
Gewaltige Distanzen kann man an einem ganz normalen Berliner Konzertsonntagnachmittag zurücklegen: etwa von der nicht ersten, aber ersten bedeutenden Oper der Musikgeschichte direkt rüber zu einem intimen Kammerkonzert mit feiner Gegenwartsmusik von sage und schreibe acht verschiedenen Komponisten. Eine Viertelstunde per S-Bahn und Tram, vom Tiergarten in die Prenzlberger Kastanienallee; nicht nur musikalische Welten. Und […]
Spirit statt Geist(er)
Am Ende wird’s dann doch zuerst potenziell kontrovers – und schließlich emotional bewegend im Neuköllner Heimathafen: Denn da kann der Sänger Isaiah Robinson offensichtlich kaum seine Tränen zurückhalten. Kurz davor ließ der Komponist Ted Hearne auf der Video-Ebene von over and over vorbei nicht vorbei dokumentarische Filmaufnahmen deutscher KZ-Gräuel (unter anderem aus Alain Resnais’ Nacht […]
Nixe in Wohnküche
Ein Regie-Trend der letzten Jahre in der Oper sind Überschreibungen: Auf die Theaterhandlung der Musik wird eine parallele, in sich schlüssige Handlung gelegt. Dieses Vorgehen löscht die Gestalt des Werks keineswegs aus (die Essenz eines großen Werks ist immer vielseitig), sondern kann sie neu beleuchten und intensivieren. Wenn das gelingt, kann es von erregender musikdramatischer […]
Kammerfunkig
In Berlin kann der emsige Konzertgänger jede Woche sein eigenes Kammermusikfestival kuratieren. Er kann da zum Beispiel am Montag exquisites Trio hören, am Dienstag spannungsreiches Quartett, am Mittwoch fein nachdenkliches Duo. Dazu muss er nicht mal in den Kammermusiksaal der Philharmonie pilgern, der mit seinen 1.200 Plätzen so groß ist wie andernorts »Große Säle« und […]
