Programme müssten so sein, sagte der damalige Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin Marek Janowski vor dreizehn Jahren, »dass auch Tante Frieda ins Konzert kommt«. Den Gedanken würde man in unseren heutigen, empfindlicher gewordenen Zeiten wohl anders formulieren, zumindest Onkel Erwin würde man mitnennen. Aber Janowskis Argument bleibt ja gültig: »Intellektuelle programmatische Pirouetten dürfen nicht dazu führen, […]
Kategorie: Hundert 11
Konzertgänger in Berlin – der Blog von Albrecht Selge.
Mehr Ausdruck der Empfindung als Kritik.

Feierlich gewitternd
Quasi zwei Mini-Festivals im Festival, konzentriert und hochkarätig: Beim Musikfest Berlin sind drei Konzerte dem Schaffen von Isabel Mundry gewidmet, einer der wichtigsten Komponistinnen der Gegenwart. Drei weitere Konzerte präsentieren Musik der weithin unbekannten Amerikanerin Ruth Crawford Seeger, die vor allem in den 1920er Jahren komponierte. Beflügelnde Hörherausforderung! Die sich noch fortsetzt im großen Symphoniekonzert, […]
Jubilarswahlverwandtschaften
Ein Festivalprogramm, das halb sorgsam kuratiert, halb aus zufälligem Tourneerepertoire zusammengewürfelt ist, lädt zu allerlei eigenen Verknüpfungen ein. Runde Geburts- und Todestage stehen ja heutzutage in (zu) hohem Grad im Mittelpunkt der Klassikprogrammgestaltung. So sind auch beim diesjährigen Musikfest neben dem Leitthema Amériques drei 2024er Jubilare präsent: ein wenig der extrem unamerikanische Anton Bruckner (200. […]
Et in America ego
Vielleicht ist – oder war? – »Amerika« für uns das, was im sechzehnten, siebzehnten, achtzehnten Jahrhundert »Arkadien« war: diffuse Utopie, auch wenn man’s irgendwo ansiedeln kann (etwa wie Goethe sein Ego-Arcadia in Italien). Nur eben mit rauen Cowboys und -girls statt heißen Hirten und schönen Schäferinnen. Insofern passt es, wenn beim diesjährigen Musikfest Berlin unter […]
Kein »und«, nirgends
No sleep till Bayreuth, last Tristan before Festspiele (alles Wichtige von dort dann in der VAN-Ausgabe am 7. August). Die Deutsche Oper Berlin zeigt zum Saisonschluss nochmal ihren Tristan in der Graham-Vick-Inszenierung von 2011, die mittlerweile ein Lieblingsgrollobjekt der »Das steht aber nicht im Libretto!«-Wagnerianer ist; für mich gehört sie zum Sinnigsten und Berührendsten, was […]
Walomat: neutral
Gleich zwei mächtigen Meeressäugern finden sich hier Musik und Bühne gegenüber: Da ist zum einen der zugrundeliegende, 1989 auf Ungarisch erschienene Roman Melancholie des Widerstands von László Krasznahorkai, einem Schriftsteller von Weltrang, wie man so sagt. Und zum anderen der nach demselben Buch entstandene Béla-Tarr-Film Die Werckmeisterschen Harmonien, der auf der BBC-Liste der 100 bedeutendsten […]
Stream of Gerümpelness
Ob es irgendwann eine große Oper über handelnde Gestalten unserer Zeitgeschichte geben wird? Donald Trump und Wladimir Putin vielleicht? Aufhänger gäbe es. In musikalischer Hinsicht spezifische Sprachmuster. In dramatischer Hinsicht beim einen die skurrile Medienfixierung, beim anderen die wahnhafte Geschichtsphilosophie. Beides erinnert durchaus an zwei der sechs Hauptprotagonisten von John Adams’ Oper Nixon in China […]
Wolfseulig
Dass ausgerechnet Musiker aus Salzburg den guten jungen Felix Mendelssohn Bartholdy nach Berlin bringen, das hat was von Eulen nach Spree-Athen … egal, lassen wir das. Jedenfalls gehört Mendelssohn unbedingt und immer wieder ins Konzerthaus am Gendarmenmarkt, unweit der Leipziger Straße 3, wo einst das Familienpalais stand, und der Jägerstraße mit dem ehemaligen Bankhaus, in […]
Mondfeierlich
Jubiläumssaison-Zielgerade beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin mit einer überraschenden, auf paradoxe Weise meditativ-spannenden Programmidee. Wobei man dazu vorab gleich zweierlei sagen muss: Erstens, dass »Jubiläen« eine flexible Angelegenheit sind, von der sich in Kettensätzen sprechen lässt: Das RSB wurde zum Beispiel deshalb in dieser laufenden Saison einhundert Jahre alt, weil es seine Geburtsstunde listig auf den 29. […]
Zerschmetterer und Schmetterling
Das privat initiierte Klavierfestival Berlin, das derzeit stattfindet, hat seine Daseinsberechtigung im Mangel: Hier ist pianistisch zu erleben, was anderswo fehlt. Das gilt auch für das zweite und dritte von fünf Konzerten in diesem Jahr. Die Französin Lise de la Salle ist eigentlich weithin bekannt, aber in Berlin solistisch doch eine erstaunliche Seltenheit, wie viele […]
