An wundersame Wasserwesen, an Undinen, kleine Meerjungfrauen, Mädchen mit Fischschwänzen können wir nicht mehr glauben. Er jedenfalls sei ihnen gut, bekannte noch der alte Wagner am Vorabend seines Todes, und lauschte den Klagen seiner Rheintöchter nach, aber das ist lange her. Was da webt und west, sind ja, wir wissen es, vor allem männliche Projektionen. […]
Autoren-Archive: Holger Noltze
…ist Musikjournalist und war bis 2023 Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund, wo er den Studiengang Musikjournalismus leitete. Er ist im WDR und Deutschlandfunk zu hören und schreibt u. a. für Opernwelt und die FAZ. 2020 erschien sein Buch ›World Wide Wunderkammer. Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution.‹
Gottesnarrentum
Die russische Kultur und Literatur kennt die Figur des Yurodivy, des Gottesnarren. Ob er wirklich verrückt ist oder nur so tut, weiß man nicht, jedenfalls gilt er als »göttlich inspiriert«, lese ich bei Wikipedia. Der Yurodivy hat im Prinzip gute Chancen auf Heiligsprechung, dafür gibt es Beispiele, und er hat das Privileg, dass er unangenehme […]
Bookletology: Liza Lehmann: Songs (Lucile Richardot, Anne de Fornel)
Das französische Label La Boîte à Pépites hat sich seit 2022 den »Women Composers« verschrieben. Fünf monographische CD-Vorstellungen sind bis heute erschienen, illustriert im Stil von Graphic Novels und mit großzügig beigegebenen französisch-englischen Texten. Opus 6 kommt jetzt als eine Würdigung der Sängerin, Pianistin und Komponistin Liza Lehmann, geboren 1862 in London als Tochter eines […]
Geschmacksverstärker
Vor ungefähr einem halben Jahr hatte mich die klangarchäologische Beherztheit des Dirigenten Philipp von Steinaecker und des Mahler Academy Orchestra anlässlich einer überwältigend fremd klingenden Fünften von Mahler sehr begeistert. Eben nochmal nachgelesen: Damals endete meine kleine Hymne auf die Kühnheit der Ausführung mit dem Wunsch nach »mehr davon«. Mit den Wünschen soll man aber […]
Eine Geschichte von Herrn K.
In Brechts bekanntester Geschichte von Herrn K. begrüßt ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hat, diesen mit den Worten, er habe sich gar nicht verändert, worauf K. erbleicht. Am Dortmunder Opernhaus wurde am Wochenende der Herr K. des deutschen Regietheaters gewürdigt: Intendant Heribert Germeshausen verband die sechste Ausgabe seines Wagner-Kosmos, bei dem tagsüber […]
Die Weisheitslehre dieses Knaben
Am Samstag, als das Eurovision Song Contest Finale anstand, saß ich im Zug, und mir war langweilig. Mein Telefon schlug mir, mittels meines Lieblings-Streamdienstes, vor, mir den Remix eines Udo-Lindenberg-Albums aus dem Jahr 1975 anzuhören, Votan Wahnwitz, auf dem der Ur-Deutschrocker und begnadete Reimer als irgendwie genial derangierter Dirigent, also im Frack zu sehen ist. […]
Push-Mitteilungen (Post aus Wien #6)
Keine Push-Nachricht vom Telefon: Vom neuen Papst hörte ich in Reihe 14 im Goldenen Saal des Musikvereins aus einem Geflüster in Reihe 15; dass er Leo der Soundsovielte heißen würde und Amerikaner sei und was das jetzt für Trump bedeuten könnte. Vor uns die 112 (überwiegend) Mann-starke US-Weltklasse des Boston Symphony Orchestra, auf dem Programm […]
Änderungen nachverfolgen
Natürlich darf das das. Dekonstruktion, Übermalung sind nicht nur legitime, sondern auch produktive Verfahren, wenn Kunst mit anderer Kunst umgeht. Zumal wenn die, wie fast immer in der Oper, schon älter ist und wir heute, sagen wir, an die Zauberflöte, andere Fragen stellen als das Publikum im Theater auf der Wieden anno 1791. Wie da […]
Hier oder nirgend
Amerika, du hast es besser, dichtete der alte Goethe und feierte anno 1827 die Vorteile einer vermeintlich fehlenden Geschichts- und Traditionslast: – hast keine verfallene Schlösser, die Ruinen einer drückenden Vergangenheit, und vor allem: Dich stört nicht im Innern … unnützes Erinnern und vergeblicher Streit. Ahnte er da schon die EU voraus, mit ihrer Umständlichkeit, […]
Eine Lektion in musikalischer Wahrheitsfindung
Auf den Knien meines Herzens: das wegen des Bildbruchs ein bisschen lustige Zitat kommt aus einem Brief von Kleist an Goethe. Ich borge es mir aus einem kleinen Text von Manuel Brug, der sich differenziert kritisch mit der neuen Kurtág/Schubert-CD des Baritons Benjamin Appl befasst. Das etwas schiefe Bild trifft, ein bisschen lustig, ganz gut, […]
