Vor ungefähr einem halben Jahr hatte mich die klangarchäologische Beherztheit des Dirigenten Philipp von Steinaecker und des Mahler Academy Orchestra anlässlich einer überwältigend fremd klingenden Fünften von Mahler sehr begeistert. Eben nochmal nachgelesen: Damals endete meine kleine Hymne auf die Kühnheit der Ausführung mit dem Wunsch nach »mehr davon«. Mit den Wünschen soll man aber aufpassen; sie können in Erfüllung gehen, und was dann? – Ein wenig so ging es mir letzte Woche nach dem Konzert des geschätzten Mahler Chamber Orchestra, das für den erkrankten Raphaël Pichon ihr einstiges Gründungsmitglied Philipp von Steinaecker als Einspringer für ein romantisches Programm gefunden hatte. Der erste Teil montierte Schuberts Unvollendete mit Schubert-Lied-Transkriptionen von Liszt, Brahms und Reger, von Michael Nagy als tiefgründige Geheimbotschaften in die Weite der Kölner Philharmonie gesendet. Und wieder ereignete sich das Wunder, das vermeintlich Bekannte erschien faszinierend neu. Dann Pause, fein.
Danach ging es dann, für mich, erstaunlich schief. Wagners Siegfried-Idyll, das zarte Geburtstagsständchen für Cosima, die Freude über den Sohn in mildem Licht als »Tribschener Idyll mit Fidi-Vogelgesang und Orange-Sonnenaufgang« – es heißt sehr zu Recht Idyll, weil es eben kein Siegfried-Opern-Potpourri ist, sondern die andere Seite zeigt, auch die von R.W. Das MCO, befeuert durch Philipp von Steinaecker, nahm es nun aber leider so, als symphonisches Musik-Drama, und das mit einer offensichtlichen Spielfreude, die sympathisch anzusehen war, nur den Zauber der Sache verfehlte; verspielt in einem nervigen Dauerespressivo, dass dann noch in Mendelssohns Schottische überschwappte, und Schönheit und Balance einem ausrufezeichenhaften Bravourwillen opferte. Verrückterweise war es mir beim gleichen Opus mit der Bremer Kammerphilharmonie und dem als Junggenie gefeierten Tarmo Peltokoski vor einer Weile ähnlich gegangen. Vielleicht liegt’s auch am Stück. Oder an mir als Hörer dieses Stücks. Jedenfalls brachte mich das Missvergnügen am zweiten Teil des MCO-Konzerts und die Diskussion mit meiner klugen Nachbarin zum Nachdenken darüber, was man interpretatorischen Überdruck nennen könnte. Dynamische und tempomäßige Extreme, angeschärfte Artikulation, grelle Farben, ein irgendwie überspanntes, jedenfalls nicht gelassenes Musikmachen. Geschmacksverstärkerei. Was ich schon öfter als Kritik an Teodor Currentzis’ Zuspitzungen gehört habe, was mich da aber nur ausnahmsweise nervt. Und davor? – Goulds Bach, eine Tat. Goulds Mozart: Fragezeichen. Norringtons Beethoven-Tempi, Celibidaches Bruckner-Langsamkeit. Es kommt doch wohl sehr drauf an.
Vielleicht ist es ja auch die zum Klischee geronnene Erwartung, dass, wenn wir in der »klassischen Musik« schon immer dieselben Stücke hören, diese dann aber bitte immer neu und anders zu klingen hätten. Dass »Handschriften« erkennbar sein sollen, und noch in der neuesten Aufnahme der Beethoven-Symphonien. Auch in der »Klassik« regiert die Ökonomie der Aufmerksamkeit, und der Markt belohnt Markenzeichen mit Wiedererkennbarkeit. Da liegt bei den Ausführenden der Griff zum Geschmacksverstärker nah. Und den kritischen Kritikern wäre abzuverlangen, zwischen dem besinnungslosen Abfeiern des »Anderen« und dem törichten Beharren auf »Werktreue« zu differenzieren, und auch gemischten Gefühlen nachzugehen. Die Daumen-rauf-oder-runter-Nummer ist das Glutamat der Kritik. ¶

