In Brechts bekanntester Geschichte von Herrn K. begrüßt ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hat, diesen mit den Worten, er habe sich gar nicht verändert, worauf K. erbleicht. Am Dortmunder Opernhaus wurde am Wochenende der Herr K. des deutschen Regietheaters gewürdigt: Intendant Heribert Germeshausen verband die sechste Ausgabe seines Wagner-Kosmos, bei dem tagsüber viel über Wagner geredet und abends viel gehört wird, mit der ersten zyklischen Aufführung der verrückterweise ersten Ring-Inszenierung im Leben der gerade 80 gewordenen Regietheaterlegende Peter Konwitschny. Tatsächlich hat er Die Walküre, Siegfried und Das Rheingold in Dortmund neu inszeniert, jetzt kam seine 25 Jahre alte Götterdämmerung aus Stuttgart zur Ring-Rundung dazu. Wir hatten das – die drehbare Bretterhalle, Brünnhildes Grane als Steckenpferd, den Weltenbrand als Regieanweisung – lange nicht gesehen. Erstaunlich, wie wenig sich verändert, wie frisch sich dieses Menschentheater von Liebe und Verrat über ein Vierteljahrhundert gehalten hat. Es lag an der sängerdarstellerischen Beglaubigung durch die stimmlich warmschöne, textverständliche Stéphanie Müther und ihren ebenso unermüdlichen, natürlichen, immer wieder sehr lustigen Siegfried Daniel Frank. Fast alle haben übrigens toll gesungen, und Gabriel Feltz mit den Dortmunder Philharmonikern über die 16 Stunden Musik einen guten Erzählbogen gespannt, nicht ganz ruckelfrei, egal, es gab keinen Grund zu erbleichen.
In der zweiten Pause freue ich mich mit einer geschätzten Kollegin über die vielen genauen Gesten, all die Varianten, wie Menschen miteinander trinken und was sie sonst so miteinander machen, diesen Humor en détail, der allem faulen Pathos so unangestrengt die Luft rauslässt, und alles noch ohne Video! – Dann kommt aber doch eins, die prädigitale Super-Acht-Projektion eines glitzernd vorbeiziehenden Rheins, für die Siegfried/Rheintöchter-Szene, als der seine letzte Chance verdödelt, den schlimmen Ring doch noch loszuwerden. Diese Farben! Rührend. Und der Herr K., über alle Ring-Tage anwesend und offensichtlich sehr einverstanden mit seiner Arbeit. Auf dem Podium mit seinem dirigentischen Kompagnon Ingo Metzmacher, mit dem er zwischen 1997 und 2005 in elf Produktionen die Hamburger Staatsoper mehr oder weniger gerockt hat, hatte sich Herr K. recht freundlich wortkarg gegeben, mit langen Pausen, Konwitschny-Fermaten auch im Diskurs. Wie er mit dem Journalistenetikett des Altmeisters, des Klassikers umgehe: noja. Und dann eine sehr sprechende Konwitschny-Geste am Schluss, als ich ihn danach frage, was in der flüchtigen Kunst der Opernregie, am Ende eines im Metier doch ziemlichen prägenden Berufslebens, bliebe, im Sinne von »Werk«. Da legt Herr K. ernst-verschmitzt zwei Finger auf den Mund. Nicht dran rühren! Der Rest Schweigen.
Ziemlich rätselhaft dann die in all dem Jubel am Ende doch hartnäckigen Buhs für den Regisseur. – Weil seine radikale, aus der Musik und einer skeptischen Weltsicht geborene Dramaturgie doch noch provoziert? Oder weil jemand das Konwitschny-Theater denn doch für Schnee von gestern hielt?
Weniger rätselhaft die Buhs nach dem neuen Wiener Tannhäuser, letzte Woche. Ein paar, im überwiegenden Applaus markant platziert, für den Dirigenten, es war Philippe Jordans letzte Premiere als Musikdirektor der Wiener Staatsoper. Leider, nach dem auch musikalisch enttäuschendem Don Carlo, kein großer Wurf, es geht, mit Elan, aber wenig hintergründig, wenig mittelstimmensensibel, meist auf die 12, viele Ausrufezeichen, aber keine große Geschichte. In Wien, wo eine Staatsopernpremiere etwas gilt, wird mit Hingabe protestiert, und natürlich gegen modernen Regietheaterschnickschnack.

Lydia Steier nahm ihre Buhs mit Fassung. Sie hatte sich eine optisch unterhaltsame Bühne bauen lassen, ein dekorativ diverses Varieté der liberal roaring twenties für die Venus-Lusthöhle, ein spießig autoritäres 1930er-Wartburg-Ambiente für einen albern kostümierten Sängerwettstreit, und für das Warten auf Erlösung am Ende eine Installation von Flimmerkisten, vor denen einsame Menschen traurig brüten. Kann man alles machen, Malin Byström singt eine in der Verlassenheit depressiv gewordene Elisabeth, Clay Hilley den Tannhäuser eher robust als Außenseiter zwischen allen Welten.
Zum Schlussbild kriegt Elisabeth, visionär wiederauferstanden, ihren großen Abgang von der Showtreppe, ein ironisches happy ending. Lydia Steier kann kluge Analyse, und sie kann Pop. Gemessen an ihrer faszinierenden Tiefenauslotung der Frau ohne Schatten in Baden-Baden ging es diesmal eher nicht ans Eingemachte, wirkte konstruiert, die Einfälle fügen sich nicht zum Flow. So blieben sie an der Wiener Staatsoper einen Tannhäuser für heute schuldig, während in Dortmund eine vierteljahrhundertalte Geschichte von Herrn K. sich erstaunlich gut gehalten hat. Eigentlich verrückt. ¶


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