An wundersame Wasserwesen, an Undinen, kleine Meerjungfrauen, Mädchen mit Fischschwänzen können wir nicht mehr glauben. Er jedenfalls sei ihnen gut, bekannte noch der alte Wagner am Vorabend seines Todes, und lauschte den Klagen seiner Rheintöchter nach, aber das ist lange her. Was da webt und west, sind ja, wir wissen es, vor allem männliche Projektionen. Die Wirklichkeit ist anders. Auf der Bühne sehen wir Dvořáks Rusalka, mit der 1901 im Musiktheater das 20. Jahrhundert beginnt, heute eher als etwa Heroinsüchtige, wie in Philipp Stölzls Amsterdamer Inszenierung, da endet sie nicht als Irrlicht, sondern setzt sich den goldenen Schuss. Arme Rusalka, es war ihr nicht zu helfen zwischen den Welten, jener der Geister, Hexen, Wassermänner und der anderen der Menschen, denen der Liebesverrat so nahe liegt wie diesem Prinzen, der sie im Wald aufgabelt, und sie gibt alles auf, sogar ihr Sprechenkönnen, um dem Geliebten zu folgen, der sich bald einer beliebigen fremden Fürstin anhängt.

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Fast immer ist sie die Arme, und deshalb freue ich mich, einmal mehr, über eine szenische Deutungsarbeit des russischen Regisseurs Vasily Barkhatov, der es, nach seiner klugen Norma-Arbeit zuletzt am MusikTheater an der Wien, jetzt an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf schafft, seine Rusalka als starke Figur zu zeigen, »kein Opfer. Im Gegenteil: Sie muss nicht gerettet werden, es ist IHR Weg, den sie bewusst einschlägt«. So im Programmheft, und so, das ist das Gute an Barkhatov-Inszenierungen, sieht man es auch auf der Bühne, zumal wenn die Figur eine so außerordentliche sängerdarstellerische Beglaubigung erfährt wie von Asmik Grigorian (Norma) und Nicole Chevalier (Rusalka).

Wir sehen sie zuerst als kleines Mädchen, das in das repressive System einer hermetischen Klostergemeinschaft gezwungen wird, mit dem Wassermann als Oberpriester und der Hexe Jezibaba als Oberin. Herzzerreißend, wie sie ihr die kleine rote Kinderhandtasche wegreißen, ihr Kuscheltier, das pinke T-Shirt (mit Seejungfrau drauf).

Anna Harvey (Jezibaba), Nicole Chevalier (Rusalka) • Foto © Barbara Aumüller

Der Taufakt durch Untertauchen im Wasserbecken wird zum Wiederholungszwang. Immer wieder, und pünktlich immer, wenn Dvořák Harfen spielen lässt, taucht sie tief unter, nur die Beine schauen heraus. Unterwasser ist die andere Welt, so wie ihr der Jäger als Lichtgestalt erscheint, auch wenn sie dann nur seinem dissoziierten Abklatsch folgt; der Prinz ist hier ein Motorradrocker. Die gelegentlich absurden Text-Bild-Scheren nimmt man hin, ehrlich gespannt darauf, wie es mit der inzwischen jungen Frau weitergeht, die ihr Klostergefängnis verlässt, unvorteilhaft, wie man so sagt, gezwängt in ihr pinkes Seejungfrauen-Kinder-T-Shirt. Arme Rusalka, denkt es gleich wieder, es geht gar nicht anders, aber hier macht die Empathie eben kein Opfer. Und wenn sie bei der Prinzen-Party außen vorbleibt, so sehr sie auch dazugehören möchte: Es ist doch ihr Weg. Da kann das Programmheft noch so von »Verhängnis« und Schicksalhaftigkeit raunen.

Ein paar Premierenkritiken der neuen Düsseldorfer Rusalka fanden Barkhatovs Finale flau, unentschieden: Der Prinz, irgendwie unentschieden reumütig, bloß entschieden betrunken, verheddert sich im Vorhang, schläft ein. Rusalka taucht wieder unter. Kommt sie nochmal hoch? – Wer will wissen, wie das wird? Mir erschien es eben in der Uneindeutigkeit plausibel, näher an der Ambivalenz von Dvořáks Finalmusik. Es geht hier einmal nicht bedauernswert-schicksalhaft »nur über ihre Leiche« (E. Bronfen). Danke dafür. Guter Abend, auch wenn Harry Ogg die Düsseldorfer Symphoniker nicht ganz aus dem Routinemodus wecken konnte. ¶

…ist Musikjournalist und war bis 2023 Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund, wo er den Studiengang Musikjournalismus leitete. Er ist im WDR und Deutschlandfunk zu hören und schreibt u. a. für Opernwelt und die FAZ. 2020 erschien sein Buch ›World Wide Wunderkammer. Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution.‹