Das französische Label La Boîte à Pépites hat sich seit 2022 den »Women Composers« verschrieben. Fünf monographische CD-Vorstellungen sind bis heute erschienen, illustriert im Stil von Graphic Novels und mit großzügig beigegebenen französisch-englischen Texten. Opus 6 kommt jetzt als eine Würdigung der Sängerin, Pianistin und Komponistin Liza Lehmann, geboren 1862 in London als Tochter eines deutschstämmigen Portraitmalers und einer englischen Komponistin. Dass auf eine komponierende Mutter eine komponierende Tochter folgt, ist ungewöhnlich, darauf hat in VAN schon Arno Lücker in einem Gedenkblatt für Liza Lehmann hingewiesen.

Musik nicht nur zu machen, im Fall der jungen Liza als durchaus international gefeierte Konzert- und Oratoriensängerin, sondern sie zu erfinden, das scheint in der Regel ein Fall für Einzelkämpferinnen zu sein, eher kein dynastisches Thema.

Liza Lehmanns künstlerisches Leben vollzog sich zunächst in den für junge Frauen vorgesehenen Bahnen, mit der Besonderheit, dass etwa ein Franz Liszt zu den Freunden des Hauses gehörte, dass sie Gesangsstunden beim Superstar Jenny Lind bekam, dass sie bei ihrem ersten Konzert in Rom dem alten Verdi vorsingen durfte, dass sie bei den Londoner Monday Popular Concerts 1887 mit dem Berliner Philharmonischen Orchester unter Joseph Joachim ein kurioses Händel-Brahms-Massenet-Programm sang und Clara Schumann sie persönlich begleitete. Liza, die auf der deutschen Aussprache ihres Namens bestand, bewegte sich in einem Netzwerk musikalischer Erstklassigkeit – reichlich Stoff für eine Autobiographie mit dem schön selbstbewussten Titel The Life of Liza Lehmann. Sie ist die Hauptquelle für einen erhellenden, ausführlichen, zwischen Kunst und Leben elegant vermittelnden biographischen Essay, den die Pianistin Anne de Fornel beigesteuert hat. Einmal keine Verlegenheit, sondern erkennbar interessiert und so Interesse weckend. Die kurzen, sinnvoll fokussierten Kapitelchen fügen sich bestens zu den raffiniert naiven Illustrationen von Lorène Gaydon: die kleine Liza, die nach Tisch dem alten Liszt vorsingt; Familienidylle mit den zwei kleinen Söhnen, Liza weinend am Grab des Älteren, Rudolf.  

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Zu L.L.s Karriere gehören dabei auch die Rückzüge, lernen wir aus de Fornels Text. Die Erkenntnis, für die Opernbühne eher nicht geschaffen zu sein. Der zeitweise Stimmverlust nach einer schweren Grippe. Und wie dann das Schicksal, in Lehmanns eigenen Worten, ihre Sache in die Hand nahm, »for I met my future husband – and when we married I retired into private life and abandoned my career without a sigh of regret«. Darf man es glauben? – 1894 gab es noch ein Abschiedskonzert, dann wurde Herbert Bedford geheiratet, seinerseits Autor, Erfinder und Composer. Und es beginnt ein zweites schöpferisches Leben, 1896 hat der Zyklus In a Persian Garden einigen Erfolg, 22 Lieder in der eigentlich schwierigen Besetzung für vier Stimmen, auf Texte des persischen Dichters Omar Khayyām.

In der ansonsten fein komponierten Auswahl aus den insgesamt 350 Lehmann-Songs von La Boîte à Pépites sind davon leider nur Kostproben zu hören. Schön ist wiederum, dass hier das Auspacken der Schätze mit der Exzellenz und Feinnervigkeit einer Lucile Richardot und Anne de Fornel am Klavier geschieht (flankiert von etwas weniger exzellenten fellow-musicians). Zu hören sind sympathisch zugängliche Momentaufnahmen von Liebenswürdigkeit und spätromantischer Salon-Melancholie, endend mit einer anrührenden Botschaft an einen überlebenden Geliebten aus Lehmanns Todesjahr 1918, When I Am Dead, My Dearest. Ihre Songs machen keine Revolution, manches klingt beim ersten Hören konventionell, der genauere Blick, zu dem dieses Album einlädt, entdeckt schöne Kleinigkeiten, zum Beispiel die Freude an Fermaten, an ruhigem Verklingen. Mein Anspieltipp ist das magisch verträumte Seelenlandschaftsbild Dusk in the Valley.

Lehmanns drittes schöpferisches Leben beginnt dann 1911, als sie die Präsidentinnenschaft der neugegründeten Society of Women Musicians übernimmt. Ihre späteren Jahre gehören der Weitergabe von Wissen; Gesangsunterricht und die 1913 erscheinenden Practical Hints for Students of Singing schlagen den Bogen zurück zu ihrem ersten Leben. 

Hatte sie »a brilliant destiny«, wie es auf dem Cover verheißt? Ich höre, neben allem Glanz, auch einige Traurigkeit. Sie vor allem kommt einem hier nah, mit einer sehr eigenen Schwerelosigkeit. ¶

…ist Musikjournalist und war bis 2023 Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund, wo er den Studiengang Musikjournalismus leitete. Er ist im WDR und Deutschlandfunk zu hören und schreibt u. a. für Opernwelt und die FAZ. 2020 erschien sein Buch ›World Wide Wunderkammer. Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution.‹