Keine Push-Nachricht vom Telefon: Vom neuen Papst hörte ich in Reihe 14 im Goldenen Saal des Musikvereins aus einem Geflüster in Reihe 15; dass er Leo der Soundsovielte heißen würde und Amerikaner sei und was das jetzt für Trump bedeuten könnte. Vor uns die 112 (überwiegend) Mann-starke US-Weltklasse des Boston Symphony Orchestra, auf dem Programm Schostakowitschs Erstes Violinkonzert und die elfte Symphonie, genannt Das Jahr 1905. In diesem Jahr ließ der Zar eine Demonstration russischer Arbeiter von seiner Palastwache niederschießen, das Ganze ging als »Petersburger Blutsonntag« in die Revolutions-Vorgeschichte ein. Schostakowitschs Elfte wurde 1957 in Moskau uraufgeführt, ein gewaltiges symphonisches Historiengemälde und eine bemerkenswerte Mischung aus Plakativität und Tiefsinn. Andris Nelsons und seine Bostoner entfachen am Ende den luxuriösesten Höllenlärm, den man sich vorstellen kann; ich jedenfalls kann mich an ähnliche Dezibelwerte in einem Konzerthaus nicht erinnern.

Es konnte einem angst und bange werden, und das nicht allein der schieren Lautstärke wegen: Es genügt schon, ein wenig vom Sicherheitsabstand des Geschichtsbilds abzusehen. Ein amerikanisches Spitzenorchester spielt diese grell doppelgesichtige russische Musik, die Kritik ist, Klage um die Opfer einer Gewaltherrschaft, und zugleich Revolutionspropaganda, und es dirigiert ein lettischer Dirigent, es spielte (das Konzert vorher) die lettische Geigerin Baiba Skride: sie beide geboren in einem der baltischen Länder, die sich ganz oben auf der Liste aktueller russischer Expansionsgelüste fühlen. Eine furchteinflössende Wall of Sound, die da losbricht, ohne Limiter und mit großem Ernst losgelassen von einem Andris Nelsons, der wenig mehr von der einstigen kindlichen Freude am schieren Klang ausstrahlt. Als würde die Gewalt historischer Kontinentalverschiebungen, die wir gerade erahnen, im Spiegel dieser Musik über das blutige Jahr 1905, körperlich erfahrbar; gruselig.
Dabei hatte der Abend eher melancholisch begonnen. Auch dem Ersten Violinkonzert, das über Jahre in die Schublade musste, bis zur verspäteten Uraufführung mit David Oistrach, Leningrad 1955, ist Politik eingeschrieben, und so traumschön Skride, Nelsons und die Bostoner das angehen, bleibt die leise Frage, ob zum genetischen Code dieses Wunderwerks, mit seiner gewaltigen Passacaglia, nicht noch etwas mehr Dringlichkeit gehört, etwas mehr push. Dafür war, nach einem Saitenriss der Solistin, der wahrscheinlich schnellste Geigentausch aller Zeiten zu erleben. Wie Baiba Skride dem Konzertmeister der Bostoner Nathan Cole ihre Stradivari nachgerade zuwarf und von ihm sein Instrument zurückbekam; atemberaubend. Das Ersatzteil tat, und doch war der Unterschied, bis zum Reparatur-Rücktausch, deutlich zu hören. Eine Strad ist eine Strad.
Reichlich push, zwei Tage zuvor, im Musiktheater an der Wien, wo die Regisseurin Ilaria Lanzino ihren Hamlet als notorischen Räumeverwüster über die Drehbühne jagt; überhaupt rumpelt es mächtig vor allem zwischen den Jungs, der schönen Ophelias spießigem Vater Polonius und ihrem flippigen Bruder Laertes und vor allem natürlich Hamlets usurpatorischem Onkel; die Regisseurin lässt es krachen. Was mir im Prinzip gefällt, wenn Gewalt und Verzweiflung zwischen den Figuren mal ernsthaft handgreiflich wird. Raffaele Pe, hier musikalischer Leiter (seines Ensembles La Lira di Orfeo) und als Countertenor Hauptfigur zugleich, macht den Hamlet in Francesco Gasparinis Ambleto deutlich zu seiner Sache.

Nun ist diese erste Hamlet-Oper, uraufgeführt 1705 in Venedig und als ziemlich verquirltes Pasticcio dann noch einmal in London 1712 zu erleben, von bestimmt opernhistorischem Interesse, zumal das Stück, kaum zu glauben, unabhängig von Shakespeare entstanden sein soll. Aber irgendwie blieb mir Gasparinis Musik – Arie an Arie, die Rezitative sind verloren – im Ganzen, und mit Ausnahmemomenten, ziemlich blass, zwischen dem blutigen Gewaltfuror auf der Szene und den eingespielten Shakespeare O-Tönen. Die trockene Akustik des Theater an der Wien macht es dem von der Konzertmeisterin geleiteten Orfeo-Ensemble auch nicht leicht, diesen Gasparini zum Klingen zu bringen. Gut agil der Laertes von Maayan Licht, ergreifend die Traurigkeit von Erika Baikoffs Ophelia, doch das Nebeneinander der Gasparini-Playlist, Shakespearetext und Actiontheater will sich nicht zur Mitteilung fügen. Für Stefan Herheims Musiktheater an der Wien hätte ich mir, nach einer überragenden Norma, einer flachen Johann Strauß-Jubiläums-Operette und einer eher flauen komischen Oper von Prokofjew wieder einen Hit erhofft. Wien kann dieses andere Musiktheater, in Sichtweite der Staatsoper, gut brauchen, als Push. ¶

