Die russische Kultur und Literatur kennt die Figur des Yurodivy, des Gottesnarren. Ob er wirklich verrückt ist oder nur so tut, weiß man nicht, jedenfalls gilt er als »göttlich inspiriert«, lese ich bei Wikipedia. Der Yurodivy hat im Prinzip gute Chancen auf Heiligsprechung, dafür gibt es Beispiele, und er hat das Privileg, dass er unangenehme Wahrheiten aussprechen kann, sogar den Mächtigen ins Gesicht. So wie der Narr in Alexander Puschkins Boris Godunow (1825), aus dessen Geschichtsdrama vierzig Jahre später Mussorgsky seine erste große Geschichtsoper baute. Da wird der Narr von Kindern gedemütigt, aber nur er kann dem vorbeikommenden Potentaten die Wahrheit ins Gesicht sagen: dass er ein Mörder sei. Als Schuisky, der intrigante Zarenberater, ihn daraufhin festnehmen will, hält Zar Boris seine Hand über ihn und bittet den Verrückten, ihn zu segnen. Der Narr weigert sich, denn Boris sei ein Herodes. Das sitzt. Bald sehen wir den Machtmann Boris an seinem schlechten Gewissen sterben.
Eine eigentlich schöne Idee, und es würden einem ja schnell eine Reihe von Mächtigen einfallen, nicht nur in Russland, denen man einen Tod aus schlechtem Gewissen durchaus wünschen könnte. Es wäre also ein berechtigter Wunsch, dass Gottesnarren künftig eine größere Rolle spielen. Vermutlich in diese Richtung dachte wohl der russische Regisseur und Filmemacher Kirill Serebrennikov, als er dem Narren in seiner neuen Inszenierung von Mussorgskys Boris Godunow ziemlich viel Extratext mitgab, allerhand Wahres über Macht und Gewalt und die Unterdrückung von Wahrheit, über Mut und Feigheit und die Frage, wie sich ein Volk so viel gefallen lassen kann, so viele tote Söhne, so viele Lügen. Die Worte stammen, lese ich im Programmheft, aus den Schlussplädoyers von aktuellen Dissidenten vor russischen Gerichten, und dauernd möchte man in den Saal rufen: genau, so ist es! Tut aber keiner. Bis auf einen, an dem Abend, den ich gesehen habe, letzten Samstag, und der rief »Buh«, vielleicht weil ihm solche aktuellen Einlagen per se missfielen. Die Mehrheit des Publikums aber zeigte sich einverstanden oder schwieg, nach innen nickend.
Und dann, zum Ende, kam der Gottesnarr auch zum Singen, sang schön und ergreifend vom leidenden Volk und bitteren Tränen. Dazu sah man Fotos des im letzten Jahr gestorbenen russischen Fotografen Dmitri Markov, Bilder von Toten, Betrunkenen, verlorenen Seelen, Bilder von einer Gesellschaft im Untergang. Das war ein starker Schluss. Dass ich dennoch ein wenig enttäuscht nach Hause ging, hat mit der Erwartung zu tun, von einem, der den Repressionsapparat im Reiche des Putin am eigenen Leib erfahren hat, bis er sein Land 2022 Richtung Berlin verließ, mehr über das vielschichtige Thema von Dissidenz in Russland zu erfahren als eine Reihe von fraglos richtigen Statements; mehr als das gute Gefühl, vom sicheren Parkettsitz aus einem mutigen Mann bei seiner fraglos richtigen Protestarbeit zuzuschauen. Zuletzt hatte Serebrennikov bei seinem Don Carlo an der Wiener Staatsoper ein paar Aktivisten der Letzten Generation die Bühne stürmen lassen, auf der Verdis politischste Oper als etwas verstiegenes Kostümstück abschnurrte. Ein Theatercoup, mehr nicht. Kirill Serebennikov ist ein bisweilen genialer Regisseur, deshalb darf man ihm mehr zutrauen. Im fernen Spiegel von Puschkin/Mussorgsky wäre bestimmt Tieferes zu erkennen über die eigentümlich russische Lethargie der normalen Menschen als deren aktuelle Ruhigstellung per Propaganda-Glotze. Womöglich auch etwas über unsere eigene »westliche« Paralyse. Theater, auch das musikalische, kann mehr als das gottesnarrenhafte Aussprechen von Wahrheiten. Und Serebrennikov, der Vielbeschäftigte und demnächst Ring-Regisseur in Salzburg, sollte nicht den Yurodivy geben. Es ist komplizierter. ¶

