Auf den Knien meines Herzens: das wegen des Bildbruchs ein bisschen lustige Zitat kommt aus einem Brief von Kleist an Goethe. Ich borge es mir aus einem kleinen Text von Manuel Brug, der sich differenziert kritisch mit der neuen Kurtág/Schubert-CD des Baritons Benjamin Appl befasst. Das etwas schiefe Bild trifft, ein bisschen lustig, ganz gut, was sich hier, neben aller sängerischen Vortrefflichkeit, vor allem vermittelt: Eine große Ergebenheit des immer noch jungen Sängers Appl gegenüber dem sehr alten, immer noch wachen Komponisten György Kurtág. Sie teilt sich auf gleich mehreren Ebenen mit: im Booklet, ganz explizit im Rückblick Appls auf die Aufnahmesituation dieses Programms, das vor allem Kurtágs (unbegleitete) Hölderlin-Gesänge mit einer Auswahl von Schubertliedern kombiniert (die auf eine Lieblingsauswahl von Kurtágs verstorbener Frau Márta zurückgeht). Der Sänger macht den tiefen, nicht allein musikalischen Eindruck deutlich, den Kurtág in ihm hinterlassen hat. Man sieht die Ergebenheit auch in der Fotostrecke, vor allem hört man sie in der detailakribischen Aufnahme der Lieder. 1.200 Takes sollen es gewesen sein, in Anwesenheit des strengen Meisters, an zehn Aufnahmetagen im Frühjahr 2024 in Budapest, für gerade 50 Minuten Musik. Man hört es, ich hörte es, mit Bewunderung für solche Hingabe, für die Textgenauigkeit, das schöne klare Timbre Appls, für die kongeniale Schubert-Begleitung von James Baillieu und die von Pierre-Laurent Aimard bei vier Liedern auf Texte von Ulrike Schuster.

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Und doch war da, ganz leise, ein kleines Unbehagen. War es Brugs (leise!) Kritik an der vielleicht doch zu kleinteiligen Perfektionssuche der 1.200 Takes, die bei ihm bei aller großen Kunst einen Eindruck von Sterilität hinterließen? 

Es war vor allem das 20-minütige Gespräch des Sängers mit dem Komponisten, das dem Recital als Bonustrack angehängt ist. Es ist eigentlich kein Gespräch, denn wir hören Benjamin Appl mit gestützter Stimme und gestelztem Ton Fragen ablesen wie »Stammen Sie aus einer musikalischen Familie?«, »Wann haben Sie sich entschlossen, Musiker zu werden?« Und so fort. Das Fragen und Antworten (von einem Spiel möchte man nicht reden) klingt so gar nicht wie eine Begegnung, vielleicht ist es auch nachträglich zusammenmontiert worden, nur mit weniger Sorgfalt als die Musik zuvor. Nun ist Applist kein Journalist; sehr Bewunderte zu befragen, ist selbst für Journalisten nicht leicht, und die nachdenklichen, langsamen, freundlichen Antworten des alten Kurtág, kurz vor seinem hundertsten Geburtstag, sind sowieso hörenswert. Sogar staunenswert am Ende, als er, nun doch nach einzelnen Stücken gefragt, Töne am Klavier anschlägt und ein paar Phrasen halb flüstert halb singt, mit einer Freiheit und einer fast unheimlich dunklen Farbe, einer Lebendigkeit und stillen Präsenz, die einen trifft wie ein Blitz: So war das gemeint! Daher weht der Wind! Und weht mit leisem Hauch weg, was eben noch so schön und detailgenau von einem sehr guten Sänger zu hören gewesen war. Im Reden und nur andeutenden Singen des alten Kurtág wird ahnbar, was dem hingebungsvollen Kunstvortrag fehlt. Appl schreibt im Booklet: Wie Bartók folge Kurtág nur seinem Wahrheitsanspruch, nicht der Idee, gefallen zu wollen, gemocht zu werden. Das ist es. ¶

…ist Musikjournalist und war bis 2023 Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund, wo er den Studiengang Musikjournalismus leitete. Er ist im WDR und Deutschlandfunk zu hören und schreibt u. a. für Opernwelt und die FAZ. 2020 erschien sein Buch ›World Wide Wunderkammer. Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution.‹