Amerika, du hast es besser, dichtete der alte Goethe und feierte anno 1827 die Vorteile einer vermeintlich fehlenden Geschichts- und Traditionslast: – hast keine verfallene Schlösser, die Ruinen einer drückenden Vergangenheit, und vor allem: Dich stört nicht im Innern … unnützes Erinnern und vergeblicher Streit. Ahnte er da schon die EU voraus, mit ihrer Umständlichkeit, ihrer komplizierten Abstimmungskultur? Wo anderswo längst effektiv durchregiert wird, nicht nur in China und Russland, sondern jetzt auch in Amerika, gemeint USA.

Eine Begegnung mit dem US-Amerikaner Kent Nagano, geboren in Kalifornien als Sohn japanischer Einwanderer, aufgewachsen in dem Nest Morro Bay, abseits der Metropolen. Im Gespräch geht es nicht um seine gerade endende Zeit als Generalmusikdirektor in Hamburg, es soll eine frühere Epoche erinnert werden, die Jahre 2006 bis 2013, als Nagano Musikchef der Bayerischen Staatsoper war. Nun gehört das Lob der Orte, an denen einer oder eine herausragende Position besetzt, zum üblichen diplomatischen Süßholzgeraspel; wie ja auch immer zu hören, wenn man fragt nach der Zusammenarbeit mit diesem oder jener. Alles immer super, was soll man auch sagen. Naganos Lob der Stadt München und seiner Oper und vor allem dem Bayerischen Staatsorchester aber klingt anders. Klang anders von Anfang an, und man kann ihm abnehmen, dass er es ernst meint. Es hat mit der Landschaft zu tun, der Natur drumherum, im Kern aber mit der langen Geschichte der Münchener Musik, dass zu den Amtsvorgängern ein Orlando di Lasso zählte, dass das Orchester Mozarts Idomeneo, Wagners Tristan und Meistersinger zuerst gespielt hat. Nagano spricht tatsächlich von Heimat, und als ich das für einen Kalifornier mit japanischen roots doch überraschend finde, legt er, leise aber bestimmt, nach: Über dem Klavier seines ersten Lehrers in Morro Bay habe ein selbstgemaltes Ölgemälde der Frauenkirche gehangen, wo dieser Klavierprofessor mal gelernt hatte, es war ihm ein Sehnsuchtsort geblieben und wurde einer für den jungen Kent. Und dann, viele Jahre später, war er da, wenn auch nicht für immer.

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Zum Zuhause-Gefühl trug auch bei, dass er, auf dem Weg zum unterirdischen Probenraum, dem Bruno-Walter-Saal, immer an einem Plakat aus dem Jahr 1950 vorbeikam. Walters Zeit als Chef in München dauerte von 1913 bis 1922, als er für das hier annoncierte Programm, Schuberts Unvollendete und Mahlers Erste, zurückkam, war er zu Gast in Nachkriegsdeutschland, und so steht da in Klammern hinter seinem Namen: New York. Das ist eine Pointe: Der 1938 aus Europa vertriebene Mahler-Intimus Walter galt bei den Naganos in Morro Bay als Amerikaner, und Nagano zitiert seine Mama, die ihm gesagt habe: Siehst du, wir leben in einem kulturell privilegierten Land, die größten Musiker – Walter, Schönberg, Strawinsky – alle Amerikaner!

Im Zug auf dem Weg zurück von Hamburg lese ich in der ›Zeit‹ einen Beitrag des in Princeton lehrenden Politologen Jan-Werner Müller, Verfasser eines aktuellen Werks über Populismus. Er berichtet, fassungslos, vom Existenzkampf US-amerikanischer Universitäten um Grundstandards wissenschaftlicher Unabhängigkeit, über den atemberaubenden Gleichschaltungsfuror, mit dem die Zentren freier Erkenntnisförderung und Meinungsbildung auf Linie des neuen MAGA-Amerika gebracht werden sollen, über die Klage der Harvard University gegen die Regierung und die Verzweiflung vieler Kollegen und ihre Auswanderungspläne.

Eine Katastrophe. Nehmen wir sie, im aktuell globalen Katastrophenkarussell, noch angemessen wahr? Wie da gerade der Not- und Fluchtpunkt europäischer Hoffnungen von der Landkarte unserer Sehnsüchte verschwindet? Amerika, das es nicht mehr besser hat, im Gegenteil? – Dreißig Jahre vor Goethes so euphorisch klingender Grußbotschaft an die Vereinigten Staaten steht in der Ausgewandertengeschichte Wilhelm Meisters Lehrjahre der ganz anders nüchterne, pragmatische und auf die Verbesserung von Mitteleuropa zielende Satz: Hier oder nirgend ist Amerika. Wir müssen aufpassen, hier, jetzt. ¶

…ist Musikjournalist und war bis 2023 Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund, wo er den Studiengang Musikjournalismus leitete. Er ist im WDR und Deutschlandfunk zu hören und schreibt u. a. für Opernwelt und die FAZ. 2020 erschien sein Buch ›World Wide Wunderkammer. Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution.‹