Am Samstag, als das Eurovision Song Contest Finale anstand, saß ich im Zug, und mir war langweilig. Mein Telefon schlug mir, mittels meines Lieblings-Streamdienstes, vor, mir den Remix eines Udo-Lindenberg-Albums aus dem Jahr 1975 anzuhören, Votan Wahnwitz, auf dem der Ur-Deutschrocker und begnadete Reimer als irgendwie genial derangierter Dirigent, also im Frack zu sehen ist. Ich hörte mich dann, überraschend amüsiert, durch die historisch fernen Referenzen, in denen da, musikalisch und im Text, auf die »klassische« Musik Bezug genommen wird. Am lustigsten fand ich die Geschichte von Elli Pyrelli »vom Regensburger Opernhaus« und ihrem unvermuteten Erfolg beim Publikum: »überhaupt ist diese Art Schmettergesang neuerdings wieder sehr gefragt / die Rock’n’Roll-Gespenster sind weg vom Fenster, die Arie ist angesagt.« Elli ist dann auch mit einem schwer stimmgestützten Wagner-Klischee »Oh Votan, weiche von mir« zu hören. Lustig fand ich die Udo-Fiktion von einer Konjunktur des Klassischen: »Man wollte lieber wieder seriöse Lieder / und nicht diesen Pop-Krawall, vielleicht auch mal wieder ’ne nette Operette mit Gesang wie von ’ner Nachtigall.«

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Zu Hause, beim eher beiläufigen Switchen in den laufenden ESC, kam ich ins Staunen über die, so oder so, einfallsreich divers auf visuelle Überwältigung angelegten Bildwelten, ästhetische Explosionen, mit und ohne Geschmack, voll auf die 12 (Malta), melancholisch zurückgenommen (Switzerland) oder als Comedy Act (Schweden). Das meiste natürlich keine »seriösen Lieder«, aber mit durchaus unterhaltsamen Theatralisierungen. Dazu twittert Paavo Järvi, wie in den vergangenen Jahren. 

Das Auszählen mochte ich nicht abwarten. Am nächsten Morgen dann die Nachricht, dass »JJ« aus Österreich gewonnen hatte. Und hier sprachen die Kommentatoren nun dauernd davon, sein Wasted Love, das einen jungen Menschen in den Gefühlstürmen einer verlorenen Liebe heftig aufgewühlt zeigt, das sei ja eine Art Oper gewesen, das Votum für den jungen Mann insofern auch eines für die Kunst. Jedenfalls für hohe Töne, die er als Countertenor mit Ausbildung an der Wiener Staatsoper ja »perfekt« getroffen habe. Das fand ich, beim Nachgucken, nicht so ganz, seinen Erfolg aber doch interessant. Hatte sich hier Lindenbergs Prognose: Rock-Gespenster (Italien, San Marino u.a.) weg vom Fenster, Arie angesagt, nach fünfzig Jahren bewahrheitet, mit JJ als juveniler Elli Pyrelli?

JJ, lese ich, Sohn einer Philippina und eines österreichischen IT-Fachmanns, aufgewachsen in Wien und Dubai, Karaoke daheim, Callas- und Caballé-Videos bei YouTube, der Junge namens Johannes Pietsch erfindet sich, oder wird erfunden als JJ. Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Er kam mir bekannt vor, ich hatte ihn ja schon gesehen und gehört. Ich kannte JJ als Knaben, als nämlich einen der Drei Knaben in der neuen Zauberflöte an der Wiener Staatsoper, wie sie auf coolen Bikes an dem Spukschloss vorbeikommen, in dem Barbora Horáková dieses verrückte Weisheitsmärchen spielen lässt. Sie machen sich da ziemlich respektlos und sehr von heute an dem verstaubten, spinnverwebten Opern-Setting zu schaffen. Nun ist Wasted Love Lichtjahre entfernt von Mozarts, sagen wir, Ach, ich fühls und noch allem, was die Drei Knaben da zu singen haben. Aber die lässige Verschlingung der Milieus Pop/Oper hat doch auch was. Wird Johannes Pietsch demnächst bei seiner nächsten Knaben-Performance in der Staatsoper mit Kreischen und Jubel als ESC-Held empfangen? Der alte Schikaneder, Librettist und Zauberflöten-Impresario und erster Papageno, hätte bestimmt seine Freude. It’s pop, stupid! ¶

…ist Musikjournalist und war bis 2023 Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund, wo er den Studiengang Musikjournalismus leitete. Er ist im WDR und Deutschlandfunk zu hören und schreibt u. a. für Opernwelt und die FAZ. 2020 erschien sein Buch ›World Wide Wunderkammer. Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution.‹