In der New York Times war Anfang der Woche beschrieben, wie wir mit der Schlagzahl der Tabubrüche, Grenzüberschreitungen und Ungeheuerlichkeiten aller Art des neuen amerikanischen Präsidenten ja nicht mehr mitkommen. Das ist natürlich Absicht, eine Taktik der Überrumpelung, und wir-das-Publikum geht in Deckung. Wer sich für Opern interessiert, kann natürlich schon auf einige Erfahrung mit […]
Autoren-Archive: Holger Noltze
…ist Musikjournalist und war bis 2023 Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund, wo er den Studiengang Musikjournalismus leitete. Er ist im WDR und Deutschlandfunk zu hören und schreibt u. a. für Opernwelt und die FAZ. 2020 erschien sein Buch ›World Wide Wunderkammer. Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution.‹
Es dreht sich (Post aus Wien #5)
Wien im Winter, merkwürdig still, mitten im politischen Interim, das, wenn nicht noch ein Wunder geschieht, auf den »Volkskanzler« Kickl zulaufen wird. Die Wienerinnen und Wiener haben den Kickl eher nicht gewählt und scheinen in eine Art Winterschlaf der Ratlosigkeit gefallen zu sein, und der Kulturbetrieb tut, was er am liebsten tut: Er kreist um […]
Kosmische Korrekturschleife
Mit seinem Sieben-Opern-Zyklus LICHT wollte Karlheinz Stockhausen, der Gesamtkunstwerker aus Kürten, den Kollegen Wagner sozusagen kosmisch umrunden. Noch mehr Teile, noch mehr Stunden (25 bis 30), und Wagner hatte natürlich auch keine Synthesizer und Elektronikzuspielungen. Hierzulande machen die Opernhäuser um das Riesenprojekt einen Bogen, es ist megaloman aufwändig, vom Meister genauestens festgelegt und noch achtzehn […]
Pichon
Prüfet alles und behaltet das Gute: So steht es bei Paulus an die Thessalonicher. Es ist die Jahreslosung der Evangelen für 2025. Die haben mich sonst eher wenig interessiert; diese aber blieb hängen. Es ist die schöne Idee, dass man sich vom Unguten verabschieden nicht nur sollte, sondern auch könnte. Der griffige Satz taugt außerdem […]
Das Mischke-Menetekel
Der Journalist und Reporter Thilo Mischke wird nicht Moderator des ARD-Kulturmagazins ttt, dies die erste Neuigkeit des neuen Jahres, sofern man sich für »Kultur« in deutschsprachigen Medien interessiert. Das tut der größere Teil der Menschheit eher nicht. Dafür ist der Aufruhr in der Bubble umso heftiger. Ist ein Mann mit seiner publizistischen Vergangenheit als Moderator […]
Schönberg, Lieben, Lernen. Eine Challenge
Dies ist die letzte Kolumne für diesen VAN Jahrgang, und die letzte Gelegenheit, im ausgehenden Schönberg-Jahr ein wenig zu beklagen, dass das nach außen hin so geschäftige Jubiläumsgedöns in der Musik – Konzert- und CD-Programme, Ausstellungen, Fachkonferenzen und Briefmarken und TV –, auch in seinem Fall uns eben seinen Fall nicht wirklich näher gebracht hat. […]
Von Einem, Zweien, Vielen (Post aus Wien #5)
Je näher Kafkas Traumgeschichten unseren Wachphasen im wirklichen Leben kommen, ja sie an Absurdität überholen, desto besser wird sichtbar, dass er doch einer der ganz großen Humoristen ist. Aber so lustig, wie Stefan Herheim jetzt Gottfried von Einems Der Prozess auf der kleinen Bühne der Wiener Kammeroper zeigt, ist es doch eine Überraschung, eine freundliche […]
Doing Loss, ausverkauft
In meiner Lieblingsbuchhandlung war gerade das neue Werk des Soziologen Andreas Reckwitz: ausverkauft! Der Mann hat die Gabe, der Gesellschaft den Puls zu nehmen und begrifflich auf den Punkt zu bringen, was gerade der Fall ist. Das war vor ein paar Jahren so, als er den Strukturwandel der (westlichen) Moderne im Hang zu Singularitäten (jeder […]
Empfindsamkeit
Vielleicht war es Lessing, der das Wort in die deutsche Sprache eingeführt hat, 1768, weil es eine Übersetzung des Titels von Lawrence Sternes erfolgreichem Roman A Sentimental Journey through France and Italy brauchte, und »sentimental« der Sache eben nicht entsprach. Der Begriff traf jedenfalls einen Nerv. Empfindsamkeit war eine Antwort auf den allgegenwärtigen Rationalismus; auch […]
Nicht so meins. Über Guilty Displeasures
Seit ich mich mit »klassischer« Musik beschäftige, sammle ich Entschuldigungen. Sie kommen ungefragt, sie klingen alle etwa gleich, und meistens haben die, die sich entschuldigen, gerade Musik gehört, irgendwas mit Bach, Beethoven oder Wagner oder Neue Musik. »Klassik« also. Man bittet um Nachsicht für ein offenbar unangemessenes, womöglich falsches, weil nicht kompetentes Hören. Man sei […]
