In der New York Times war Anfang der Woche beschrieben, wie wir mit der Schlagzahl der Tabubrüche, Grenzüberschreitungen und Ungeheuerlichkeiten aller Art des neuen amerikanischen Präsidenten ja nicht mehr mitkommen. Das ist natürlich Absicht, eine Taktik der Überrumpelung, und wir-das-Publikum geht in Deckung. Wer sich für Opern interessiert, kann natürlich schon auf einige Erfahrung mit richtig skrupellosen Machtmännern (und auch ein paar Frauen) zurückgreifen, und muss doch feststellen: Es sieht so aus, als würde die Wirklichkeit gerade die Vorstellungskraft des Theaters, was Niedertracht angeht, überholen. Also werden wir The Donald, mangels böserer Böser, bald häufiger auf der Bühne sehen. Vielleicht ein Vorblick darauf ist der König Pollux, in Richard Strauss’ vorletzter Oper Die Liebe der Danae. Claus Guth inszeniert dieses merkwürdige Stück an der Bayerischen Staatsoper. Pollux (Danaes Vater) ist bankrott, dagegen ist der neue amerikanische König POTUS Donald im leider wirklichen Leben ein schwerreicher Mann. Das ist ein Unterschied, aber von Gelbhaar, Anzug und Habitus sehen sich der Opern-Pollux und der reale POTUS schon ähnlich. Allerdings verscherbelt Pollux nur seine Tochter Danae und verschaukelt seine Gläubiger. Hauptsächlich geht es in der Oper um Jupiters letztes, diesmal scheiterndes Liebesabenteuer: ein reichlich unzeitgemäßes Sujet für ein Stück, das Strauss Anfang der 1940er Jahre komponierte und dessen Uraufführung bei den Salzburger Festspielen 1944 dann wegen totalem Krieg abgesagt werden musste.

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Die Entstehungsgeschichte der Liebe der Danae wirft eine gute alte Frage auf, nämlich die nach dem Verhältnis von Kunst, Schönheit und Politik, und der Zufall wollte es, dass die Körber-Stiftung in Hamburg eben diese Frage zum Thema eines Gesprächs mit Kent Nagano machte, dessen Zeit als Chef in Hamburg zu Ende geht. Muss denn in diesem Lande immer alles Politik sein? – Der Titel zitiert Ernst Kreneks Lied Politik aus dem Reisebuch aus den österreichischen Alpen. Das Lied war auch zu hören, mit durchaus weniger Ironie und mehr Pathos zum Ernst der Lage (1929) als gedacht. Nagano sagte danach leise kluge Sachen und das Podium war sich schnell einig: Es gibt vielleicht ein Jenseits der Politik, nicht aber des Politischen. Es gab dann noch eine Kammeraufführung von Kreneks Kurzoper Der Diktator aus dem Jahr 1926, darin verliebt sich der Diktator in die schöne Gattin eines als Folge der diktatorischen Kriegslust erblindeten Soldaten; ein schnelles Ding zwischen Groteske, Agit und Puccini, eigentlich noch so eine erstaunliche Gleichzeitigkeit wie der späte Strauss der Danae, bloß von der andern Seite.

Zurück zum Donald. Nun sehen wir gerade, und das ist vielleicht schlimmer als der MAGA-Mann selbst, wie fix der große amerikanische Regelverletzer weltweit Wannabe-Kollegen auf den Plan ruft. Die verbreitete Sehnsucht vieler Leute nach dem großen Disruptiv, einem Ende des quälenden Weiter-So (Kriege, Klima) und den Geduldsproben demokratischer Aushandlungsprozesse, sie inspiriert die Leadership-Brechstangen aller Länder, auf die Regeln zu pfeifen, auch wenn man sie vielleicht gerade noch selbst beschworen hat. Nie mit denen da? Nun doch ein bisschen. Regelbasiertheit, Fakten: blabla. Und nur Brechstangen, so wird suggeriert, könnten die Unerträglichkeiten der Gegenwart enden. Frieden in der Ukraine an einem Tag, Windräder abreißen, zurück zum fossilen Verbrennen und Atom, Grönland annektieren, die Liste wird immer länger, je schneller es gehen soll. Und in all dem die Society of Music, in der man es, schreckensstarr oder zynisch oder depressiv, besser weiß. Eher aber nicht, was daraus folgen soll. Brechstangen sind nur höchst ausnahmsweise ein Mittel der Kunst; aber Weiterwurschteln im permanenten Output-Modus, fixiert auf die nächste Premiere, wird nicht reichen. Der umtriebige Musikwissenschaftler Kai-Hinrich Müller erinnerte in Hamburg auch an Kreneks Oper Pallas Athene weint, komponiert zur Wiedereröffnung der Hamburgischen Staatsoper 1955. Darin steht die Demokratie Athen gegen die Diktatur Sparta. Peloponnesischer Krieg, lange her. Warum weint Pallas? Müller: »Weil Sparta gewinnt. Die Demokratie verliert.« In der kommenden Spielzeit tritt in Hamburg das neue Team Tobias Kratzer / Omer Meir Wellber an. Vielleicht wäre das ein Stück zur Stunde? Aber hier soll nicht mit der Brechstange gewunken sein. ¶

…ist Musikjournalist und war bis 2023 Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund, wo er den Studiengang Musikjournalismus leitete. Er ist im WDR und Deutschlandfunk zu hören und schreibt u. a. für Opernwelt und die FAZ. 2020 erschien sein Buch ›World Wide Wunderkammer. Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution.‹