Vielleicht war es Lessing, der das Wort in die deutsche Sprache eingeführt hat, 1768, weil es eine Übersetzung des Titels von Lawrence Sternes erfolgreichem Roman A Sentimental Journey through France and Italy brauchte, und »sentimental« der Sache eben nicht entsprach. Der Begriff traf jedenfalls einen Nerv. Empfindsamkeit war eine Antwort auf den allgegenwärtigen Rationalismus; auch auf dessen Optimismus, dass die Menschheit ihre Probleme qua Vernunft schon lösen werde. Nur drei Jahre danach bestimmt Johann Georg Sulzers Allgemeine Theorie der Schönen Künste die Musik als die eigentliche »Sprache der Empfindung«. Wo es um den Gegensatz zur kühlen Rationalität ging, war sie zuständig, klar.
Empfindsamkeit wurde bald zum Signalwort für eine ganze Strömung, literarisch machten Goethes Leiden des jungen Werthers Furore, und wenn in den 1780er Jahren von »Bach« die Rede war, meinte man C. Ph. E., nicht den alten Johann Sebastian. Carl Philipp Emanuel war das »Originalgenie«, der Meister der freien Fantasien, Gedankenflüge, die manchmal nicht einmal mehr Taktstriche brauchten. Aber auch CPE kam aus der Mode, am Ende sehen wir ihn als 73-jährigen Musiker, der der Welt abhanden gekommen zu sein schien. Der Kollege und reisende Musikjournalist Johann Friedrich Reichardt besucht ihn in Hamburg und porträtiert den vor sich hin fantasierenden Bach: »Stundenlang konnte er sich in seine Ideen, in ein Meer von Modulationen vertiefen und verlieren. Seine Seele schien dann ganz abwesend, die Augen schwammen wie im süßen Traume, Gesicht und Gestalt neigten sich fast leblos über das Klavier.«
Die »freye Fantasie« in fis-Moll aus dem Vor-Todesjahr 1787 folgt ziemlich dunklen Gedanken, wie ein Hineinhören in ein verlorenes Inneres, Vortragsbezeichnung »sehr traurig u. ganz langsam«. Vor allem aber: Da wagt einer, Ich zu sagen, das kühne Stück heißt Carl Philipp Emanuel Bachs Empfindungen.
Traurige Musik. Sie kann einen daran erinnern, und das möchte diese Kolumne, dass, ganz jenseits historischer Wissensbestände, das Hören fast jeder Musik (auch jenseits der musikhistorischen Schublade) ohne »Empfindsamkeit« auf Seiten der Hörenden eine ziemlich verlorene Sache ist. Dieser November mit all seinen schlechten Nachrichten aus der Welt, mit der Aussicht auf einen langen Winter, womöglich der schmerzhaften Empfindung, dass ein geliebter Mensch auf einmal nicht mehr da ist: Vielleicht ist das der Moment, Empfindsamkeit eben nicht bloß als (sentimentale) Stimmung zu nehmen, sondern als rezeptives Vermögen zu schätzen.
Come woeful Orpheus with thy charming lyre / And tune my voice unto thy skilful wire. / Some strange chromatic notes do you devise / That best with mournful accents do sympathise
[Komm, trauernder Orpheus mit deiner zauberkräftigen Lyra / und stimme meine Stimme auf deinen kunstvollen Saitenklang. / Seltsam chromatische Noten ersinnst du die zum traurigen Ausdruck passen.]
Über wie viel Schmerz, aus Liebe oder aus anderen Gründen, hier bei William Byrd, bei Monteverdi oder Mozart oder Schubert, hört es sich allzu abgeklärt hinweg. Wie über wohldosierte Dissonanzen, Reibungen. Wo aber das eigene Schmerzempfinden sensibler wird, klingt alles anders. Ob als Nervenreizung, als Erschütterung oder als Trost, das kommt dann darauf an. Jedenfalls aber als Erinnerung daran, Musik nicht als Tapete zu hören, sondern als das Gegenteil von Abstumpfung. ¶

